Freitag, 24. Oktober 2014

Toiletten-Journalismus

Heute wird es ungustiös – auch was den Inhalt des Blog-Artikels anbelangt; aber vor allem, was jene Art von Journalismus betrifft, der hiermit angeprangert werden soll.

Über Guido Tartarotti habe ich neulich geschrieben, dass er im Kurier "üblicherweise durch witzig gemeinte, aber nicht einmal als halblustig zu bezeichnende Beiträge unangenehm auf(fällt)". Nur wenige Tage danach liefert er dafür ein besonders markantes – und eben ungustiöses – Beispiel:

Die Gute-Laune-Spalte auf Seite 1 des "Kurier" vom 22. Oktober 2014 wurde (wieder einmal) von ihm verfasst und trägt die (durchaus doppeldeutig gemeinte) Überschrift "Die Zeit des Machens".

Herr Tartarotti beglückt uns darin mit seinen tiefschürfenden Gedanken zu welchem Thema? Sozusagen in der untersten Schublade findet man es: Er beschäftigt sich mit ... der Dauer von Toilettenbesuchen (!).

Er verweist zunächst auf eine Statistik, wonach "der Österreicher im Laufe seines Lebens im Durchschnitt etwa drei Jahre auf der Toilette (verbringt)" und zeigt sich verwundert darüber, dass es nach älteren, etwa zehn Jahre zurückliegenden Medienberichten aus Deutschland dort "sechs Klo-Jahre pro Leben" seien. Tartarottis sinnige Schlussfolgerungen daraus:

"Wenn wir nicht davon ausgehen, dass der Deutsche grundsätzlich fleißiger stoffwechselt als wir Österreicher, dann heißt das, dass die Menschen innerhalb einer Dekade die Hälfte ihrer WC-Zeit eingespart haben."

Danach schwingt sich der Toilettenexperte zum Philosophen auf und stellt folgende rhetorische Frage:

"Was sagt das über uns – dass sich in Krisenzeiten niemand leisten will, zu viel Zeit ins Klo zu spülen?"

Was das "über uns" sagt, kann ich Herrn Tartarotti nicht beantworten. Ich weiß aber schon an dieser Stelle des Artikels sehr genau, was uns dieser Text über seinen Verfasser und über das Niveau der Zeitung sagt, in der solcher Unfug abgedruckt wird. Mehr dazu später.

Im letzten Absatz der Kolumne geht es dann um die (durch verringerten Toilettenbesuch) "gewonnenen [drei] Jahre". (!)

Dazu muss natürlich um jeden Preis im Text untergebracht werden, was gerade so an Themen in Mode ist. Ob das irgendeinen Sinn bzw. Zusammenhang ergibt, ist dabei nicht nur nebensächlich, sondern überhaupt nicht von Belang:

- Tartarotti verweist also zunächst darauf, dass drei Jahre länger seien, "als so mancher Ex-Politiker ins Gefängnis muss". Eine Bezugnahme auf korrupte Politiker kommt immer gut an; eine solche ist daher in einen Text, der die Leserschaft zum Schenkelklopfen anregen soll, unbedingt einzubauen
– sei es auch auf noch so krampfige Art.

- Aus Anlass der in Österreich bevorstehenden Lese- und Bibliotheksveranstaltungen (samt diesbezüglichem Bericht in derselben Ausgabe des "Kurier") kommt dann die Bemerkung, dass die drei Jahre länger seien "als die Zeit, die der durchschnittliche Mensch mit Büchern verbringt (1,5 Jahre)". Auch das ist beliebt (zum Beispiel oft nachzulesen in Fernsehkritiken des "Kurier"): ein Seitenhieb darauf, wie ungebildet die Menschen doch seien: sie lesen nichts, sie schauen all die primitiven oder seichten Sendungen im Fernsehen usw. – Diese Kritik mag in der Sache zwar durchaus zutreffen. Sie ist allerdings dann nichts Anderes als ein Ausdruck von Anmaßung und Arroganz, wenn sie aus der Feder von Leuten kommt, die durch ihre Veröffentlichungen gerade eben jene Primitivitäten mitproduzieren und jene Verblödung mitverursachen, die sie bei Anderen (seien es Medienproduzenten, seien es Medienkonsumenten) scheinheilig und mit spöttischem Unterton beanstanden.

- Es folgt ein dritter krampfhaft hergestellter Drei-Jahres-Konnex (dieser in Anspielung auf das dauerhafte Modethema "Bildungsmisere"). Vorsicht! Tartarotti will wieder besonders witzig sein: Drei Jahre seien "ungefähr so lange, wie schlechte Schüler für die sechste Klasse brauchen". Na, ist das nicht lustig?

Unmittelbar danach kommt der Schlusssatz der geistreichen Kolumne. In den gehört eine forsche Parole, mit der das Volk zur Leistung angespornt werden soll; aber gleichzeitig darf eine kecke Anspielung auf das Ausgangsthema des Artikels – den Toilettenbesuch – nicht fehlen. In diesem Sinne schreibt Tartarotti:

"Drei Jahre: Lasst uns etwas daraus – gewagte Formulierung in dem Zusammenhang – machen."

Der ganze Kolumnentext spiegelt (in besonders krasser Form) jene Haltung vieler Medienleute wider, die einem auch sonst leider ständig begegnet (in der Werbung, in Moderationen, in Filmen, in Kabarettprogrammen usw.):

"Egal, wie inhaltsleer, primitiv, blöd, niveaulos etwas ist – setze es den Leuten vor. Sie werden es schlucken." Oder anders betrachtet: Es ist diese zutiefst dumme (und nicht nur bei Medienleuten anzutreffende) Einstellung des "Mir-ist-nichts-peinlich", diese völlige Absenz eines Sich-Genierens für eigenes Verhalten, die aus solchen Ausführungen spricht, wie sie etwa im "Kurier" von Tartarotti (und diversen Anderen) am laufenden Band produziert werden.

Wenn ich einen derartigen Text wie die hier besprochenen Toilettenweisheiten fabriziert und veröffentlicht hätte: ich würde mich in Grund und Boden schämen. (Ich finde es schon irgendwie unappetitlich, einen Blog-Artikel über einen derartigen Text zu schreiben. Aber wie soll man sonst darlegen, dass uns im wahrsten Sinn des Wortes Toiletten-Journalismus vorgesetzt wird?)

Tartarotti hingegen "kennt keinen Genierer", wie es umgangssprachlich heißt. Das muss man akzeptieren; es ist seine Sache. Tartarotti wird für seine Hervorbringungen sogar noch bezahlt (und das ist ihm wohl ebenso wenig peinlich). Unfassbar – aber auch das muss man hinnehmen.

Was allerdings nicht mehr seine Sache ist und deshalb empört, das ist die völlige Respektlosigkeit und Unhöflichkeit gegenüber den Leser/innen, die Journalisten wie er an den Tag legen, indem sie nach dem oben beschriebenen Motto "Sie werden es schlucken" handeln.

Zum Vergleich: Man stelle sich vor, man hätte ein paar einigermaßen kultivierte Leute zu sich nach Hause eingeladen, aber plötzlich würde einer der Gäste beginnen, aus heiterem Himmel über die statistische Verweildauer auf Toiletten zu witzeln – angereichert mit zweideutigen Wortspielen und mit zusammenhanglosen Beispielen darüber, was man in drei Jahren "machen" oder nicht machen könne. Die Umstehenden würden den Betreffenden für unhöflich oder dumm oder geschmacklos oder alles zusammen halten, und die Gastgeber würden den Spaßvogel – je nach Temperament – sofort hinauswerfen oder seine Weisheiten mit betretenem Lächeln quittieren und ihn sicherlich kein weiteres Mal einladen. (Ich beziehe mich wohlgemerkt auf "einigermaßen kultivierte Leute" und nicht auf Stammtischrunden, in denen pubertäre Witzchen über Fäkalthemen durchaus Anklang finden mögen.)

In gewisser Weise ist auch ein Journalist bei seinen Leser/innen zu Gast, und man sollte daher verlangen (dürfen), dass er ein Mindestmaß an "gutem Benehmen" – sprich: an Respekt gegenüber seinem Publikum und gegenüber dessen geistigem Niveau – zeigt. Die Reichweite, die er mit seinen Äußerungen erzielt, tut ein Übriges, um an die Qualität des von ihm Geschriebenen zumindest Minimalansprüche stellen zu dürfen.

Wobei ich allerdings nicht verkenne:
Der Umstand, dass Journalisten wie Tartarotti all das hartnäckig ignorieren (zu können meinen), spricht natürlich auch (und sogar primär) gegen das Publikum, also die Leser/innen. Würden sich diese in ausreichendem Maße darüber empören, was ihnen (zum Beispiel) ein Tartarotti tagaus-tagein so vorsetzt, wäre er seinen bequemen Job bei der Zeitung wahrscheinlich bald los.

Und wenn ich zum Abschluss noch anmerke, dass er sich dann statt dessen seinen Lebensunterhalt zum Beispiel mit dem Putzen von Toiletten verdienen könnte, so meine ich das weder polemisch und schon gar nicht abfällig gegenüber jenen, die diese Tätigkeit ausüben. Denn ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Menschen, die den unangenehmen und unbedankten Job des "Klo-Putzens" verrichten, ungleich wertvollere Arbeit leisten und mehr für die Allgemeinheit tun als manche Journalisten.