Freitag, 9. September 2016

Kulturschock (Zu Vea Kaiser)

I.

Von der österreichischen Schriftstellerin Vea Kaiser wusste und weiß ich nicht viel. Das Wenige hatte bei mir jedoch bisher einen positiven Eindruck hinterlassen:

Zufällig sah ich am 13. März 2015 einen kurzen Beitrag mit ihr in der ORF-Fernseh­sendung "Leben heute". Zu dieser Zeit steuerten die Turbu­lenzen zwischen Griechenland und der EU auf ihren Höhepunkt zu. Kaiser war mir spontan sympathisch, als sie in Zusammenhang mit ihrem damals neu erschienenen Buch Folgendes sagte:

"Ursprünglich hatte ich einmal geplant, dass ich mich wirklich in dem Roman mit der Griechenland-Krise beschäftige, weil mich das wahnsinnig gemacht hat, wie die deutsche, österreichische, schweizerische Öffent­lichkeit Griechenland wahrnimmt: «Die faulen Griechen, Pleitegriechen; schmeißt sie raus aus der EU, die Hallodris; korrupte Griechen, böse Griechen.» Und das ist aber so ein Blödsinn, weil die einfachen Menschen können original überhaupt nichts dafür, dass es da ein politisches System gibt, das einfach seit 20 Jahren überhaupt nicht funktioniert."

Man kann zwar einwenden, dass ein Großteil der griechischen Bevölkerung durch sein Wahlverhalten (über die Jahre hinweg) dieses politische System (mit)unterstützt und (mit)gefördert hat. Aber ich verstehe und teile natürlich die Quintessenz von Kaisers oben zitierten Ausführungen.

Wie es in dem Bericht weiter heißt, hat sie letztlich doch kein Buch über die aktuelle Griechenland-Krise geschrieben (was ich persönlich sehr schade finde), sondern eine groß angelegte, sich über mehrere Generationen erstreckende griechische Familiensaga mit dem Titel "Makarionissi". 76 Bücher (!) soll sie dafür zu Recherchezwecken gelesen haben.

Bemerkenswert fand ich auch, dass Kaiser Altgriechisch studiert hat. Be­mer­kenswert einerseits deshalb, weil dies auf ein tieferes Interesse und einen fundierten Bezug Kaisers an bzw. zu Griechenland (bzw. seiner antiken Kultur) schließen lässt; und andererseits, weil eine derartige Studienwahl (gerade) bei einem jungen Menschen unserer Zeit (Kaiser ist Jahrgang 1988) ziemlich ungewöhnlich sein dürfte: Sie hat sich offenkundig nicht kühl kalkulierend für irgendeine "karrieretaugliche" Ausbildung ent­schie­den, sondern für eine Art "Orchideenstudium" und ist damit anscheinend ihren Interessen und Neigungen gefolgt. Auch das finde ich sehr erfreulich.

Was Vea Kaisers bisherige literarische Tätigkeit betrifft, kann ich keine Meinung abgeben. Ich habe bisher weder ihren Debütroman und Bestseller "Blasmusikpop" gelesen noch ihr erwähntes zweites Buch "Makarionissi" (bei dem ich aufgrund seiner Thematik mit einer Übersetzung ins Griechische rechne und dann lieber Original und griechische Version parallel lesen möchte).

Das ist es im Wesentlichen auch schon, was ich über Vea Kaiser sagen kann (bzw. bis vor wenigen Tagen sagen konnte). Eben nicht viel, aber (aus meiner Sicht) Positives: der Grie­chen­landbezug, ihre offenbar an Humanität orientierte Gesinnung (die in dem ORF-Beitrag auch noch in einer anderen Wortmeldung von ihr zum Ausdruck kam) sowie eine ehrlich, natürlich, authentisch und damit sympathisch wirkende Art, in der sie sich und ihre Ansichten in diesem kurzen Beitrag präsentierte.

II.

So etwas wie einen Kulturschock erlebte ich dann vor zwei-drei Tagen. Da fiel mir die jüngste Lifestyle-Beilage "freizeit" des "Kurier" in die Hände, mit der die Zeitung an jedem Samstag ihre Leser/innen beglückt. Schon die Aufmachung, das Gewollt-Zeitgeistige, hält mich üblicherweise davon ab, mir dieses Hochglanz-Magazin näher anzusehen. Diesmal war es anders: Ich wurde auf die Alt-Wiener Fotos aufmerksam gemacht, denen ein Beitrag in der Ausgabe vom 3. September 2016 gewidmet ist. Weil mich solche historische Bilder interessieren, kam es also in dieser Woche ausnahms­weise doch zu einer Begegnung mit dem Magazin. Zwei Seiten nach der Foto-Dokumentation folgen auf Seite 28 drei Kolumnen: eine von Guido Tartarotti (von dem reicht mir die Dauerpräsenz in der eigentlichen Zeitungsausgabe des Kurier), eine von Polly Adler (die mir nur vom Namen her bekannt ist) und eine dritte von … Vea Kaiser!

Verfasserin einer Kolumne in der Schicki-Micki-Beilage des Kurier? Das verhieß nichts Gutes. Die Lektüre stellte aber alle vagen Befürchtungen in den Schatten. Hätte ich nicht gewusst, wer das geschrieben hat – ich hätte jede Wette abgeschlossen, dass ein derartig dümmlich verfasster Text unmöglich von jener Vea Kaiser stammen kann, die mir vor rund eineinhalb Jahren in dem Fernsehbeitrag so positiv aufgefallen war.

"Wie ausgewechselt" könnte man über Frau Kaisers erstaunlich-unerfreuliche Wandlung sagen. Nicht, was die "Gesinnung" betrifft: Der Text bezeugt die Tierliebe der Verfasserin, und auch die Grundbotschaft, die man bei wohlwollender Interpretation dem Text entnehmen kann, teile ich durchaus (dazu näher unten). Aber was für eine seichte, abgeschmackte, krampfhaft auf locker getrimmte Sprache (in Kombination mit banalsten Inhalten) ist an die Stelle dessen getreten, was ich oben Vea Kaiser zuschrieb – nämlich an die Stelle der "ehrlich, natürlich, authentisch und damit sympathisch wirkenden Art"!

Schon und insbesondere der erste Satz der Kolumne ist so etwas von pseudo-lässig, pseudo-flott und echt-vertrottelt, dass einem das Grausen kommt. Kaiser schreibt:

"Nicht, dass es je zur Diskussion gestanden wäre, doch mein herz­aller­liebster Puszta-Boy hat beschlossen, dass er, sollte er sich in einer weit entfernten Zukunft fortpflanzen, dies vorzugsweise nicht mir mir erledigen wolle."

O.k. Dass sich irgendwelche auf halblustig getrimmte Profi-Journalist/innen, die es heutzutage zuhauf gibt, derart letztklassig-schwachsinnige Sätze ausdenken, ist leider üblich (siehe etwa einen meiner Blog-Einträge betreffend Guido Tartarotti: Toiletten-Journalismus). Aber was veranlasst Vea Kaiser, es diesen Leuten gleichzutun? (Auf diese rhetorische Frage werde ich unten versuchen, eine hypothetische Antwort zu geben.)

Was sich schon in dem einen zitierten Satz alles an banalen Abge­schmackt­heiten findet:

- "mein herzallerliebster Puszta-Boy": Vermutlich ist damit ein ungarischer "Lover" Vea Kaisers gemeint (um auch mein eigenes Vokabular ein bisschen dem zeitgeistigen Jargon anzupassen).

Man muss schon ziemlich einfach gestrickt sein, um als Leser/in solche Formulierungen originell oder amüsant zu finden. Gab's so etwas Ähnliches nicht schon mal bei Ephraim Kishon mit der von ihm bis zum Überdruss strapazierten "besten Ehefrau von allen"? Und auch der "Puszta-Boy" kommt bei Vea Kaiser im Verlauf der Geschichte gleich nochmals vor. (Ich nehme an, er findet sich auch schon in früheren Kolumnentexten.) Offenbar ist dieser Wiederholungszwang Ausdruck einer Art Selbstverliebtheit mancher Autor/innen in ihre jeweilige Wortschöpfung.

- "[…] hat beschlossen, dass er, sollte er sich in einer weit entfernten Zukunft fortpflanzen, dies vorzugsweise nicht mit mir erledigen wolle":

Ist das nicht lässig formuliert? Vor allem macht sich ein Wort wie "fortpflanzen" immer gut. Bezugnahmen auf die Zone unter der Gürtellinie erfreuen und amüsieren verlässlich das (einfältige) Publikum, und man kann mit solchen Vokabeln und Themen gleichzeitig dokumentieren, wie "cool" und aufgeschlossen man doch ist, indem man Derartiges publiziert.

Auf die Idee, dass es für uns alle völlig uninteressant ist, ob und mit wem sich Frau Kaiser und/oder ihr "Puszta-Boy" fortpflanzt – auf diese Idee kommt sie anscheinend gar nicht. Uninteressant umso mehr, als das Thema für die eigentliche Geschichte nicht die geringste Rolle spielt (dazu später).

Bereits auf den Einleitungssatz Kaisers lässt sich übertragen, was ich seinerzeit in Zusammenhang mit Tartarottis "Toiletten-Journalismus" (siehe den Link von vorhin) konstatiert habe:

"Der ganze [damalige] Kolumnentext [Tartarottis] spiegelt (in besonders krasser Form) jene Haltung vieler Medienleute wider, die einem auch sonst leider ständig begegnet (in der Werbung, in Moderationen, in Filmen, in Kabarettprogrammen usw.):

«Egal, wie inhaltsleer, primitiv, blöd, niveaulos etwas ist – setze es den Leuten vor. Sie werden es schlucken.» Oder anders betrachtet: Es ist diese zutiefst dumme (und nicht nur bei Medienleuten anzutreffende) Einstellung des «Mir-ist-nichts-peinlich», diese völlige Absenz eines Sich-Genierens für eigenes Verhalten, die aus solchen Ausführungen spricht, […]"

Kaisers Bericht über die Fortpflanzungspläne ihres Freundes ist zwar zugegebenermaßen nicht ganz so degoutant wie Tartarottis Fäkal-Stories, um die es damals ging. Aber das ändert nichts daran, dass er in die gleiche Kategorie von Journalismus (bzw. öffentlicher Kommunikation im Allge­mei­nen) gehört, die ich in oben zitierter Weise kritisiere.

Was ist nun die eigentliche Geschichte in Kaisers Kolumnentext?

Sie hat eine kleinen (tauben) Hund namens Zwetschge, der auch schon im eingangs erwähnten Fernsehbeitrag zu sehen war und den Kaiser sehr mag. Jedes Mal, wenn Zwetschge krank ist oder etwa (wie im aktuellen Fall) eine nicht heilen wollende Bauchwunde hat, gerät die Autorin in Unruhe- und Panikzustände (wie sie im Kolumnentext anhand einiger Beispiele beschreibt).

Dies habe den "Puszta-Boy" zur Entscheidung veranlasst, sich nicht mit Vea Kaiser fortpflanzen zu wollen. Dabei bleibt schon mal unklar, was mit der flapsigen Formulierung überhaupt gemeint ist: Dass er sie verlassen hat? (Unwahrscheinlich, sonst hätte Kaiser ja wohl kaum so launig geschrieben.) Oder dass er sehr wohl weiterhin ihr Partner ist, aber keine Kinder mit ihr bekommen will? (Unlogisch. Welcher Mann verliert seinen allfälligen Wunsch nach Kindern mit der Partnerin nur deshalb, weil diese – aus seiner Sicht – übermäßig um das Wohl ihres Hundes besorgt ist??)

Aber auf Klarheit, Logik oder irgendeine Form von Sinnhaftigkeit kommt's ja bei solchen Texten auch nicht an. Flott und schmissig muss es klingen nur das zählt.

Kaisers Partner findet jedenfalls, dass sie die Beschwerden Zwetschges übermäßig dramatisiere. Kaiser meint ihrerseits, dass die Sorge um das Wohlbefinden eines kranken Hundes doch nachvollziehbar sei (worin ich ihr zustimme). Sie konstatiert an sich selbst aber doch auch die zuvor erwähnte Neigung zu übermäßiger Nervosität und Panik, wenn sie etwa mit Zwetschge zum Tierarzt muss. Diese Reaktionen führt sie darauf zurück, dass sie in der Oberstufe von einer pädagogisch untalentierten Biologie-Lehrerin unter­rich­tet worden sei. Das habe Folgendes bewirkt (meint jedenfalls Kaiser):

"Seit der Matura reite ich nun beim Anblick von Verletzungen auf der hoch und runter sausenden Blutdruckachterbahn."

Auch wieder so ein abgeschmackter, krampfhaft um originelle Formulierung bemühter Satz. Ist man tatsächlich eine bessere Journalistin (oder gar eine bessere Schriftstellerin), wenn man sich solchen Sprachplunder ausdenkt, anstatt einfach zu schreiben: "Seit der Matura komme ich nun beim Anblick von Verletzungen in Panik."? Ich finde, man ist es nicht (sondern eher das Gegen­teil von "besser").

Zurück zur Geschichte: Wesentlich für das Verständnis ist, dass Kaiser erzählt, in der Unterstufe einen ganz anderen Typ von Biologie-Lehrerin gehabt zu haben, nämlich "die beste […] der Welt", der es gelungen sei, "hochspannend die ekelhaftesten Dinge der Biologie schmackhaft zu vermitteln". In dieser Zeit habe Kaiser sogar Ärztin werden wollen – bis sich eben durch den missglückten Oberstufenunterricht die Situation gleichsam ins Gegenteil verkehrt hat.

Die Quintessenz steht dann in den letzten Sätzen des Texts. Vea Kaiser schließt wie folgt:

"In diesem Sinne: Liebe SchülerInnen, ich wünsch euch einen super Schulanfang, und seids g'scheiter: Lassts euch niemals eine Leidenschaft kaputtmachen, sonst geht's euch im schlimmsten Falle wie mir und euer Schatzi will sich nicht mit euch fortpflanzen."

Meine Meinung dazu:

1. Die Ermunterung als solche finde ich gut und völlig richtig: "Lassts euch niemals eine Leidenschaft kaputtmachen." (Dieser Appell ist das, was man eben mit viel gutem Willen als Kernbotschaft des Texts identifizieren kann.)

2. Eher nebenbei: Ich glaube nicht, dass es im konkreten Fall um ein "g'scheit sein" gegangen ist: Es lässt sich wohl kaum willentlich-ver­nunft­mäßig steuern, ob man negative psychische Reaktionen (wie Nervosität, Panik etc.) entwickelt oder nicht. Insofern halte ich das Beispiel mit dem Unterricht durch die zwei Biologie-Lehrerinnen und den Auswirkungen auf Kaisers Einstellung gegenüber Krankheiten, Verletzungen etc. nicht für treffend: Da hat sich bei Kaiser etwas auf psychologisch-emotionaler Ebene (zum Negativen) gewandelt, also eine Art Traumatisierung stattgefunden. So etwas lässt sich wohl nicht durch eine rein rationale Herangehensweise verhindern, etwa im Sinne von: "Sei g'scheit, bewahre dir deine Begeisterung für Biologie und entwickle keine Angstzustände vor dem Anblick von Blut oder einer ärztlichen Spritze".

Für Kaisers Appell würde mir eher ihre Studienwahl als Beispiel geeignet erscheinen. Da könnte man tatsächlich an Willensstärke und Standfestigkeit appellieren und jemandem sinngemäß raten: "Lass dir nicht deine Leiden­schaft (z.B.) für Altgriechisch kaputtmachen, indem dir manche vom Studium abraten, weil man damit keinen Job finden könne, keine Karriere machen werde etc." Oben habe ich ja schon erwähnt, dass ich diese Studienwahl Kaisers als positiv ansehe.

3. Das Schlimmste in der zitierten Schlusspassage besteht darin, dass sich der Kreis – krampfhaft – schließt: Mit der Fortpflanzung und dem Puszta-Boy hat der Text begonnen, mit der Fortpflanzung und mit "Schatzi" (auch nicht viel besser als "Puszta-Boy") hört er auf.

Inwiefern da überhaupt ein Bezug mit einer kaputt gemachten Leidenschaft der Autorin bestehen soll, ist sowieso kaum nachvollziehbar. Wahrscheinlich muss man ihn sich so denken: Keine zerstörte Leidenschaft für Biologie (und Arztberuf) ---> keine Panik der Autorin, wenn ihr Hund erkrankt ist ---> keine Fortpflanzungsverweigerung seitens des Partners. (!) Offenbar ist es für Verfasserin und Leser/innen eines solchen Texts wirklich völlig egal, wie sinnfrei und an den Haaren herbeigezogen er inhaltlich sein mag – Haupt­sache, es gibt eine lockere Schlusspointe.

III.

Zuvor habe ich schon die Frage gestellt: Was veranlasst Vea Kaiser, sich auf derart niedrigem publizistischen Niveau zu bewegen? Anders formuliert: Was veranlasst sie, Texte in genau jener dümmlichen Machart zu verfassen, die man ohnedies von so vielen Journalist/innen bis zum Überdruss vorge­setzt bekommt?

Vea Kaiser ist ein intelligenter, gebildeter und damit wohl auch niveauvoller Mensch – an dieser Ein­schätzung halte ich in Anbetracht der Eindrücke, die ich aus dem eingangs erwähnten Fernsehbericht gewonnen habe, weiter fest.

Ich kann mir daher auch nicht vorstellen, dass ihr diese erschreckende Diskrepanz nicht bewusst ist – nämlich jene zwischen ihrem Intellekt bzw. ihrer Persönlichkeit einerseits und dem Schund, den sie für ein Lifestyle-Magazin produziert, andererseits.

Als einzige Erklärung, dass sie sich für so etwas hergibt, kommt für mich in Frage:

Es handelt sich um die notwendige Anpassung an mediale/sprachliche/gesellschaftliche Verhältnisse, zu der man bereit ist, um in einem Massen­medium (als Kolumnenautorin) präsent sein zu können – mit dem Zweck, auf diese Weise Geld zu verdienen und/oder öffentliche Aufmerk­sam­keit sicher­zustellen.

Das ist (sollte meine Erklärung stimmen) Frau Kaiser nicht zwangsläufig vorzuwerfen: Ich nehme nicht an, dass sie durch die Publikation von zwei Romanen superreich geworden ist (wenn ja: dann wäre es ihr sehr wohl vorzuwerfen, denn dann hätte sie den Job als Kurier-Kolumnistin rein ökonomisch nicht nötig); ihr Nischen-Studium wird ihr wahrscheinlich auch keine großen Job-Perspektiven eröffnen. Sie wird also vermutlich danach trachten müssen, ihren Lebensunterhalt zu sichern; und sie wird wahr­schein­lich daran interessiert sein, parallel dazu die "echte" Schrift­stellerei weiter­zubetreiben, also weitere Bücher zu schreiben und zu verkaufen – was natürlich ebenfalls mit kontinuierlicher medialer Präsenz leichter zu bewerk­stelligen ist.

Kurz gesagt: Es sind meiner Vermutung nach Notwendigkeiten bzw. Zwänge und möglicherweise pragmatische Überlegungen, die Vea Kaiser dazu bringen, für den Kurier eine Kolumne zu schreiben.

Und in der muss eben alles so konfektioniert sein, dass es als Massen­produkt für ein Massenpublikum zum Zeitgeist passt: die (pseudo-)flotte Sprache, die (pseudo-)frivolen Sätzchen, das direkte Anreden der "liebe(n) SchülerInnen", weil doch gerade Schulbeginn ist usw.usw.

Mit solchen Anpassungszwängen steht Kaiser natürlich nicht allein. Wahr­schein­lich unterliegen ihnen die allermeisten Menschen, die auf die Aus­übung von Erwerbsarbeit angewiesen sind.

Dennoch drängt sich die Frage auf: Haben Sie so etwas notwendig, Frau Kaiser? Könnte man aus einer solchen Situation (und publizistischen Position) nicht doch etwas Besseres (= Qualitätvolleres) machen? Nämlich bessere (= qua­li­tätvollere) Texte schreiben.

Und ich möchte das mit einem Zitat des großen griechischen Liedtext-Dichters Panos Falaras (Πάνος Φαλάρας) verdeutlichen. In der Einleitung zu einer Auswahl seiner Liedtexte in Buchform ("Των τραγουδιών τα λόγια") schrieb er unter anderem folgenden schönen Satz:

"Έγιναν συμβιβασμοί, ποτέ όμως δεν μου καταπάτησαν την προσωπι­κότητα."
=
"Es hat Kompromisse gegeben, sie haben aber nie meine Persönlichkeit verletzt."

Vea Kaiser sollte sich die Frage stellen, ob sie das in Zusammenhang mit ihrer Kolumne auch behaupten kann.