Freitag, 19. Februar 2016

Fasching und Flüchtlingskrise

Das ist der zweite Teil meiner Kritik an Martina Salomons Kolumnenartikel im Kurier vom 13. Februar 2016 ("Eine offene Gesellschaft braucht keine Denkverbote".) Den ersten Teil kann man hier nachlesen: "Sind das Denkverbote?"

Eines der von Salomon an den Haaren herbeigezogenen Denkverbots-Beispiele zeigt besonders erschreckend, dass ihr die gefährliche Tragweite ihrer Gesinnung bzw. deren publizistischer Verbreitung entweder gleichgültig oder nicht bewusst ist. Prägnant ausgedrückt: Skrupellosigkeit oder Ahnungslosigkeit. Beides disqualifiziert sie als seriöse Journalistin.

Als Salomon ihren Artikel veröffentlichte, war der Fasching vor wenigen Tagen zu Ende gegangen. Sie zieht in diesem Zusammenhang unter dem Zwischentitel "Lachen verboten" folgende Bilanz:

"Und wäre das Niveau der heimischen Faschingsgilden nicht ohnehin zum Weinen, hätte man es eigentlich als Witz empfinden müssen, dass sich diese heuer darauf eingeschworen hatten, die Flüchtlingskrise nicht zu thematisieren. Darf man daran erinnern, dass es nur in den schlimmsten Diktaturen verboten ist, sich über alles lustig zu machen? Selbst am Hofe absolutistisch regierender Herrscher gab es zu diesem Zweck Hofnarren, die – meist ungestraft – den hohen Herren die Wahrheit sagen durften."

Als ich das las, kamen mir sofort zwei Dinge in den Sinn:

• die Vorkommnisse bei diversen heurigen Faschingsumzügen in Deutsch­land und Österreich

• der Fasching bzw. Karneval während des Nationalsozialismus.

Um mit dem zweitgenannten Punkt zu beginnen:

Dieses Thema ist mittlerweile gut erforscht. Ich wurde insbesondere durch eine Fernsehdokumentation des WDR aus 2008 darauf aufmerksam. Sie heißt "Heil Hitler und Alaaf! (Karneval in der NS-Zeit)" (Gestalter: Carl Dietmar und Thomas Förster) und ist auch auf Youtube verfügbar: https://www.youtube.com/watch?v=juRAwLQmZ18

Es gibt aber auch einschlägige Literatur*, einen Wikipedia-Eintrag** und vielfältiges Bildmaterial im Internet.
*) (etwa: Carl Dietmar und Marcus  Leifeld: Alaaf und Heil Hitler, Verlag Herbig, 2010)

Die damalige Situation lässt sich, kurz gesagt, so charakterisieren:

Die Karnevalsumzüge wurden (auch) dazu verwendet, Juden auf schäbigste und zynischeste Weise zu verhöhnen, offen und unverhohlen Antisemitismus zur Schau zu stellen und die Solidarität mit dem NS‑Regime zu demonstrieren.

Was das ganz konkret bedeutet hat, zeigen diverse Bilddokumente. Man kann sie in der zuvor erwähnten TV-Dokumentation oder zum Beispiel auf folgender Seite sehen: "Kölner Karneval im Nationalsozialismus".

Dort heißt es zu einem einschlägigen Foto unter anderem:

"Im Zug [zum Kölner Karneval 1933] fuhr etwa ein Wagen mit, der sich über die Juden lustig machte: Dort fuhren als [Juden] Kostümierte mit Bart und Kaftan in «Richtung Jaffa». Den Wagen zierte ein Spruch von abstoßender Gehässigkeit: «Die Letzten ziehen ab»".

Auf einem anderen Foto ist ein Wagen zu sehen, auf dem ein großes Paragraphen­zeichen auf zwei Stiefeln steht. Diese Stiefel treten eine überdimensionale Krawatte einer Puppe nieder, die einen Juden karikiert. Dazu erläuternd die zuvor genannte Internetseite:

"Die Unterdrückung der Juden durch die [Nürnberger] Rassegesetze etwa kommentierte ein Motivwagen 1936 mit einer Judenkarikatur und dem hämischen Schriftzug: "Däm han se op d'r Schlips getrodde! [= Dem sind sie aber auf den Schlips getreten!]"

In Gegenüberstellung schon allein mit diesen beiden Schauwägen aus der Nazizeit sei nochmals Salomons Satz über das Sich-Lustigmachen zitiert:

"Darf man daran erinnern, dass es nur in den schlimmsten Diktaturen verboten ist, sich über alles lustig zu machen?"

Salomon fordert also ein Recht darauf ein, sich über alles lustig machen zu dürfen. (Und wenn einem dieser Spaß vorenthalten wird, dann zieht sie kurzerhand Parallelen zu den "schlimmsten Diktaturen".) Die verheerende Schlussfolgerung daraus muss lauten:

Es war auch legitim, dass man sich bei den Faschingsumzügen in der Nazizeit über das Drangsalieren, Verfolgen und Vertreiben von Juden lustig gemacht hat.

Sind Sie dieser Auffassung, Frau Dr. Salomon? Und wenn Sie es nicht sind: Wieso pochen Sie dann auf eine Erlaubnis, "sich über alles" lustig machen zu dürfen?

Ich gehe mal davon aus, dass Salomon beim Anblick dieser alten Fotos oder Filmausschnitte nicht in schallendes Gelächter ausbricht und dass sie ihren Spaß-muss-sein-Kommentar schrieb, ohne dabei diese antisemiti­schen Schauwägen im Sinn zu haben. Alles Andere wäre so unfassbar, dass ich darüber gar nicht spekulieren möchte. Die Dinge liegen wahrscheinlich viel banaler: Sie hat einfach drauflos geschrieben, ohne von diesen historischen Fakten irgendeine Kenntnis zu haben.

Eine solche Kenntnis ist auch nicht zwangsläufig zu verlangen, weil nicht jeder über alles Bescheid wissen kann (obwohl es der stellvertretenden Chefredakteurin einer der größten österreichischen Tageszeitungen ganz gut anstünde, auf dem Gebiet der Zeitgeschichte einen etwas breiteren Horizont zu haben). Aber (und darin liegt der Vorwurf an Salomon): Wenn man über das Thema nicht ausreichend informiert ist, dann soll man solche blöden (und gefährlichen) Sprüche wie jenen, dass es doch (insbesondere bei Faschingsveranstaltungen) erlaubt sein müsse, "sich über alles lustig zu machen", unterlassen! Eine Zurückhaltung, die im Übrigen schon der "gesunde" (sprich: ein humaner) Menschenverstand nahelegen würde – ganz ohne Kenntnis der Karnevalsumzüge der Nazizeit.

Als Zwischenbilanz lässt sich mal festhalten:

Faschingsveranstaltungen sind nicht zwangsläufig harmlos, ja sie können sogar gefährlich, rassistisch, menschenverachtend sein.

An dieser Stelle kommen jetzt wahrscheinlich manche mit dem Vorwurf, ich würde mich der "Nazikeule" bedienen (ein ähnlich beliebter Newspeak-Begriff wie das "Denkverbot"). Was damals unter den Nazis stattgefunden habe, sei doch längst vorüber und in keiner Weise mit harmlosen Faschingsumzügen des Jahres 2016 zu vergleichen.

Das wird im Großen und Ganzen vielleicht auch stimmen. Aber eben nur im Großen und Ganzen. Auf unrühmliche Ausnahmen wird gleich einzugehen sein. Und gerade angesichts dieser Ausnahmen zeigt sich, wie richtig die (offenbar ausdrücklich getroffene) Absprache der österreichischen (und auch deutschen?) Faschingsgilden war, die Flüchtlingskrise bei den Veran­stal­tungen nicht zu thematisieren:

- In einer oberbayrischen Ortschaft fuhr im Faschingsumzug die Attrappe eines Panzers mit der Aufschrift "Ilmtaler Asylabwehr" mit.
(Foto und Bericht zB. in der Neuen Zürcher Zeitung: "Ein Panzer gegen Flüchtlinge", ebenso im Kurier selbst: "Narren, die gegen Flüchtlinge hetzen")

- Über einen Umzug in Thüringen heißt es im Artikel der "Neuen Zürcher Zeitung":

"Bei einem Umzug in Wasungen in Thüringen nahm laut einem Bericht des MDR ein als Lokomotive dekorierter Wagen mit der Aufschrift «Balkan-Express» teil. Vorne auf der Lokomotive war ausserdem «Die Ploach kömmt» zu lesen, ins Hochdeutsche übersetzt «Die Plage kommt».

Die Mitglieder der Gruppe, die diesen Wagen am Zug mitführte, hatten sich als Heuschrecken verkleidet. Die Frage des Reporters, ob sie damit Flüchtlinge mit Heuschrecken vergleichen wollten, verneinten sie (…). Einer der Karnevalisten meinte, in Wasungen habe es eben Tradition, seinen Unmut kundzutun."

In Österreich fiel insbesondere der Faschingsumzug im niederöster­reichi­schen Maissau unangenehm auf. Auch darüber berichtete unter anderem der Kurier selbst (Verfassungsschutz ermittelt nach Faschingsumzug in NÖ). In dem Artikel heißt es:

"(U)nter die 33 originellen und lustigen Umzugswagen des traditionellen Narrentreibens hatte sich ein Wagen gemischt, der mittlerweile den Staatsanwalt sowie das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung auf den Plan gerufen hat.

Das Gefährt mit dem Namen «Shariah Police» trug nicht nur die Nummerntafel «Asyl 88» sondern auch zahllose geschmacklose Plakate mit Aufschriften wie «Islam verleiht Flügel» über der Darstellung gehängter Menschen. Montiert war das Schild auf eine Faymann-Puppe. Die Staatsanwaltschaft Korneuburg hat Ermittlungen wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Verbotsgesetz* sowie wegen des Tatbestands der Verhetzung aufgenommen."
*[Anm.: offensichtlich wegen des "88", das in der rechten Szene als Kürzel für "Heil Hitler" gilt (H als 8. Buchstabe des Alphabets)]

Sind bei den beschriebenen Umzugswagen noch große Unterschiede zu jenen der Nazizeit zu erkennen? Im Wesentlichen nur mehr ein formaler: Die Opfer der "Scherze" sind Andere geworden. "Zielgruppe" der Jahre 1933 ff. waren die Juden, jene des Jahres 2016 sind die Flüchtlinge. In der Machart unterscheidet sich der zur Menschenverachtung und Menschenhetze pervertierte "Spaß" hingegen kaum.

Was Maissau angeht, ist den dortigen Veranstaltern zugutezuhalten, dass sie sich von dem betreffenden Umzugswagen distanziert haben. So wird etwa in dem Kurier-Artikel der Obmann der dortigen Faschingsgilde mit den Worten zitiert: "So ein Wagen ist absolut nicht in Ordnung." Und der Bürgermeister meinte (gleichfalls laut Zitat im Kurier): "Natürlich ist das nicht zu dulden. Es tut uns leid, dass der Wagen über das Ziel hinausgeschossen ist."

Wie steht aber Salomon zu solchen Pseudo-Späßen? Man kann (und muss) ihr unterstellen, dass sie die Präsentation derartiger "Scherze" gutheißt (!) (vielleicht mit Ausnahme der 88er-Aufschrift auf der Nummerntafel, aber um die geht es mir im gegebenen Zusammenhang auch nicht):

1. Wenn man Salomon hinsichtlich des Karnevals in der Nazi-Zeit noch Unkenntnis zubilligen kann, so ist das in Zusammenhang mit den eben geschilderten aktuellen Vorkommnissen ausgeschlossen: In den Medien wurde darüber um den 8./9. Februar herum berichtet; wie erwähnt, auch im Kurier selbst. Sie wusste also, was sich etwa in Maissau oder in Bayern abgespielt hat, als am 13. Februar ihre Kolumne erschien.

2. In dieser Kolumne geht sie natürlich nicht nur mit keinem Wort auf die Vorfälle ein, sondern sie kritisiert sogar, dass sich die Faschingsgilden offenbar eine Art Selbstbeschränkung dahingehend auferlegt hatten, Bezug­nahmen auf die Flüchtlingskrise zu unterlassen. Diese Kritik übt sie, obwohl sich unschwer vorstellen lässt, wie viele solcher einschlägiger Umzugs­wagen allerorten unterwegs gewesen wären, wenn sich die Verantwort­lichen dieses angebliche "Denkverbot" (!) für ihre Veranstaltungen nicht verordnet hätten.

3. Und sie findet – noch einmal sei es erwähnt –, dass es erlaubt sein müsse, "sich über alles lustig zu machen". Das heißt in Anbetracht des Kenntnisstands, den Salomon spätestens am 9. oder 10. Februar haben musste:

Sich lustig machen über das Leid von Menschen, von denen viele Krieg, Verfolgung und ungeheuren Strapazen ausgesetzt waren (und die selbst als bloße "Wirtschaftsflüchtlinge" jedenfalls Mühsal und Entbehrung hinter sich haben) und das noch dazu

- indem man diesen Menschen ("spaßhalber") mit Panzern gegenübertritt
- oder indem man sie (natürlich auch nur "zum Scherz") als "Plage" bezeich­net
- ja, indem man mit dem Schicksal von Gehängten seinen Spaß treibt dadurch, dass man über ein entsprechendes Foto (vermutlich von Hinrich­tun­gen im Nahen Osten) den Spruch setzt: "Islam verleiht Flügel" (siehe die Abbildung im oben verlinkten Kurier-Artikel betreffend Maissau).
usw. usw.

Das gehört für Salomon also zu "unseren Errungenschaften als liberaler Gesellschaft" (auf welche sie sich im Untertitel ihres Artikels beruft): die "Freiheit", geplagte, arme, Schutz suchende Menschen zu verhöhnen, zu verspotten, zu beleidigen und über sie zu lachen! Für mich ist es hingegen Ausdruck der Verkommenheit einer Gesellschaft. 

Gibt es da etwas, das ich zum Nachteil Salomons missverstanden haben könnte? Oder irgendeine böswillige Übertreibung von mir, die man meiner (zugegebener­maßen bestehenden) Abneigung gegen diese Journa­listin zuschreiben könnte? Ich finde nichts dergleichen. Ich finde nichts, das den Eindruck abschwächen könnte, dass Salomon ganz bewusst in gefährlicher Weise zündelt, indem sie Ressentiments gegen "Ausländer" (derzeit bedeutet das vor allem: Flüchtlinge und Moslems) schürt und indem sie die Verhöhnung von Menschen (wie sie vor wenigen Tagen bei den beschriebe­nen Faschingsumzügen vorkam) durch ihre unsäglichen Äuße­run­gen zum Thema Faschingsgilden / Sich-Lustigmachen implizit billigt.

Was sich hier auf journalistischer Ebene abspielt, könnte man mit zwei Metaphern prägnant so zusammenfassen: "Öl ins Feuer der Xenophobie gießen" (das hierzulande ohnedies massiv lodert) – und überdies (mittels Ermutigung zu Spott und Hohn) "Salz in die Wunden (der Flüchtlinge)" streuen.

Zum Abschluss und zur Untermauerung all dessen sei auf einen Leitartikel aufmerksam gemacht, den Salomon zwei Wochen zuvor im Kurier verfasst hatte (30. Jänner 2016: "Das Ende der Gewissheit"; im Internet hier nachzu­lesen):

Insgesamt handelt es sich dabei um das gewohnte neoliberal-mahnende Propaganda­gewäsch – einem Sammelsurium all dessen, was sich nach Vorstellung Salomons (bzw. ihrer Brötchengeber) dringend ändern müsse, damit Österreich nicht zugrunde gehe. Das soll hier nicht Thema sein. Bemerkenswert sind aber im vorliegenden Zusammenhang zwei Sätze, die Salomon so nebenbei in den Text hineingepackt hat. Sie meint:

"Es ist nicht einmal mehr sicher, dass wir ein christlich geprägtes Land sind, in dem man Deutsch spricht. Bei so mancher U-Bahn-Fahrt in Wien wird man eines Besseren belehrt."

Ich habe jetzt bereits so viel geschrieben, dass ich keine Lust mehr habe, auch noch diese Sätze Salomons im Detail zu kommentieren. Ich stelle ihnen einfach ein anderes Zitat gegenüber.

Paula Wessely 1941, im berühmten Gefängnismonolog des NS-Propa­gan­da­films "Heimkehr" (Regie: Gustav Ucicky, Drehbuch: Gerhard Menzel):

"Denkt doch bloß Leute, wie das sein wird. Denkt doch bloß; wenn so um uns rum lauter Deutsche sein werden – und nich', wenn du wo in einen Laden reinkommst, dass da einer jiddisch redet oder polnisch, sondern deutsch."

Zu hören und zu sehen zum Beispiel hier: https://www.youtube.com/watch?v=UryiZ9cUmxY (ab 0:33):



Eine vergleichende Beurteilung der beiden Zitate möge jeder selbst vornehmen.