Dienstag, 11. Dezember 2018

Vermögen und Mieten

Viel wird geforscht und publiziert zum Thema der ungleichen Vermögens­verteilung.

Wozu? Alles entbehrlich. Denn eine der Leuchten des österreichischen Journalismus, die Kurier-Chefredakteurin Dr. Martina Salomon, kennt die Ursache: Es sind die niedrigen Mieten!!

Über diese erstaunliche Erkenntnis informiert sie uns in ihrem Leitartikel vom 8. Dezember 2018 (dessen dümmlich-manipulativer Titel lautet: "Neid: Todsünde und Triebfeder" [Link]). Dort schlussfolgert die Dame allen Ernstes:

"Dass Studien den Österreichern ungleich verteiltes Vermögen nachweisen, ist para­doxerweise eine Folge der im internationalen Vergleich niedrigen Mieten, bedingt durch die hohe Zahl an Sozialwohnungen, vor allem in Wien. Was die Notwendigkeit, sich (Wohn-)Eigentum zu verschaffen, untergrub – nicht aber den Neid auf die 'Besitzen­den'."

Unfassbar. Wie soll man auf solche Aussagen reagieren? Das ist derartig abwegig, zynisch und unverschämt, dass man ratlos ist; und fassungslos darüber, was sich die neoliberale Boulevardpresse ihrer Leserschaft ganz ungeniert vorzusetzen traut.

Diese absurde und vor allem menschenverachtende publizistische Untat richtet sich von selbst. Man macht sich ja geradezu lächerlich, wenn man darauf mit Sachargumenten antworten möchte. Die Journaille lacht sich ins Fäustchen über uns Naivlinge, die so etwas tun und in Verkennung der Realität noch immer hartnäckig daran glauben, dass die viel beschworene "Pressefreiheit" etwas mit Seriosität, argumentativer Redlichkeit, Respekt (gegenüber den Leser/innen) und Verant­wortungs­­gefühl zu tun haben sollte. (Als ob wir es nicht durch die einschlägige Medienkritik von Karl Kraus bis Noam Chomsky längst besser wissen müssten!)

Dennoch seien zwei sachliche Einwände ausgeführt. (Niemand soll mir nach­sa­gen können, ich würde nicht begründen, warum ich etwas für eine Halun­ke­rei halte.)

  Der erste Einwand betrifft den rein logischen Aspekt:

Mit der Vermögensverteilung in Österreich sieht es in etwa so aus:
[Quelle (als eine von vielen): Gerald John in einem Artikel im "Standard" vom 14.6.2014 (Link)]

"Vermögen: Fünf Prozent besitzen mehr als die Hälfte
Die Reichsten vereinen einen größeren Anteil des Vermögens auf sich als bisher ange­nommen: Zu diesem Schluss kommt eine neue Berechnung aus der Europäischen Zen­tralbank (EZB). Ergebnis für Österreich: Die wohl­habendsten fünf Prozent der Haus­hal­te besitzen demnach zwischen 52 und 59 Prozent des privaten Nettovermögens.
[…]
Eine Hochrechnung der Universität Linz ließen viele Kritiker nicht gelten, zumal der Auf­traggeber die politisch gefärbte Arbeiterkammer war. Doch die dem "Standard" vor­lie­gen­­de Untersuchung des Ökonomen Philip Vermeulen, die demnächst als EZB-"Wor­king Paper" erscheint, geht von ähnlichen Dimensionen aus: Sie setzt nicht nur den Anteil der obersten fünf Prozent, sondern auch jenen des Top-Hundertstels höher an als bis­her ausgewiesen: Das reichste Prozent besitzt demnach nicht bloß 23 Prozent, sondern 30 bis 41 Prozent des Nettovermögens (Schulden abgezogen).
[…]
Von zehn genannten Staaten bescheinigen die Daten nur den USA höhere Vermögens­konzentration. Die angeführten EU-Länder – etwa Deutschland, Frankreich, Italien oder die Niederlande – hängt Österreich diesbezüglich ab."

Und jetzt betrachten wir noch einmal Salomons Rezept:

5 % der Haushalte besitzen mehr als die Hälfte des Privatvermögens? Was tun dagegen? Antwort: Mieten erhöhen die Bewohner von Sozial­wohnun­gen kaufen sich daraufhin eine Eigentumswohnung (oder gleich eine Villa?) → Problem gelöst.

Da muss schon die Frage erlaubt sein: Tickt jemand noch richtig, der solche Überlegungen anstellt?

• Der zweite Punkt bezieht sich auf die Moral:

Die sicherlich (und jedenfalls zu Unrecht) gut bezahlte Frau Chefredakteurin möchte mittels einer Anhebung der Mieten die Niedrigverdiener aus ihren (tatsächlich oder vermeintlich) preisgünstigen Mietwohnungen vertreiben und sie auf diese Weise der "Notwendigkeit, sich (Wohn-)Eigentum zu be­schaf­fen" (!) aussetzen.

Da stellt sich natürlich sofort die handfeste praktische Frage, wie das für die Betroffenen finanziell machbar sein soll. (Siehe wiederum nur als eine von vielen Quellen eine APA-Meldung in der "Presse" vom 12.7.2017: "Eine Wohnung in Österreich kostet sechs Bruttojahresgehälter" / "In Österreich kostet eine 80-Quadratmeter-Wohnung im Schnitt 200.000 Euro, in Wien bekommt man für diese Summe nur 51 Quadratmeter." [Link])

Und damit zeigt sich in Salomons Überlegung vor allem auch ihre Einstellung zu den (weniger begüterten) Mitmenschen und ihre Abgehobenheit zu deren Lebens­reali­tät. Die Ungeheuer­lichkeit, die Salomon mit ihren Wohnungs- und Mietphantastereien zu Papier gebracht hat, erinnert frappant an den Ausspruch, welcher der französischen Prinzessin und späteren Königin Marie-Antoinette in den Mund gelegt wird (aber in Wahrheit nicht von ihr stammt): Wenn sich die Armen kein Brot leisten können, dann mögen sie doch Kuchen essen. Übersetzt in das österreichische Leitartikel-Unwesen des Jahres 2018: Wem die Miete zu hoch ist, der soll sich halt eine Eigentumswohnung kaufen.

Und auch auf einer zweiten, grundsätzlicheren Ebene manifestiert sich die Unmoral von Salomons Standpunkt: Sie betreibt (wieder einmal) eine unverfrorene Umkehr von Ursache und Wirkung (oder – wenn man so will – von Täter und Opfer): Schuld an der ungleichen Vermögensverteilung sind für Salomon nicht jene, die diese Vermögen anhäufen (samt deren Handlangern, die das politisch ermöglichen oder publizistisch propagieren); vielmehr sind es diejenigen, die wenig bis nichts haben (bzw. eine Stadtgemeinde, die dieser Personengruppe durch die Bereitstellung von leistbarem Wohnraum – vulgo Sozialwohnungen – Unterstützung zu geben versucht)!

Zuammengefasst: Was Salomon da von sich gegeben hat, ist sowohl intellektuell als auch moralisch unter jeder Kritik.

Auf den Rest des insgesamt widerwärtig manipulativen Leitartikels – vor allem auch auf die Frage, wer denn hier nun eigentlich seinen Neid zutage treten lässt – gehe ich gar nicht ein. Ich brauche jetzt dringend Ablenkung bei guter Musik, damit ich mich nicht zu Verbal­injurien gegen die Verfasserin hinreißen lasse.

Samstag, 3. November 2018

Ein Moderator wird verspottet

Es kommt selten vor, dass man sich über die Leistungen eines für die breite Öffentlichkeit tätigen Menschen vorbehaltlos positiv äußern kann. Der ORF-Moderator Tarek Leitner ist (für mich) ein solcher Ausnahmefall: Sowohl seine sachliche Art, die Fernsehnachrichten (oder sonstige Programme) zu präsentieren, als auch seine deutliche und unaufgeregte Sprechweise finde ich hervorragend. Geradezu begeistert war ich von Tarek Leitner, als er 2016 im Fernsehen die Live-Berichterstattung über die US-Präsidenten­wahl moderierte. Seine zuvor erwähnten Qualitäten kamen da besonders gut zur Geltung (während gleichzeitig etwa im deutschen Fernsehen über dasselbe Ereignis in der Manier einer Klamauk-Show "informiert" wurde).

Entsprechend groß war meine Verwunderung darüber, dass sich der Kurier-Redakteur Peter Pisa am vergangenen Donnerstag in seiner Fernseh­kolumne "Pisa schaut fern" mit Tarek Leitner beschäftigte. Als regelmäßiger Kurier-Leser weiß man ja schon, was einem in dieser Kolumne erwartet: immer dasselbe lächerliche und besserwisserische Spotten über einen Versprecher oder eine sonstige sprachliche Unge­schicklichkeit, die Pisa in irgendeiner Fernsehsendung aufgeschnappt hat und die er dann – offenbar mangels Fähigkeit zum Verfassen substanzieller Fernsehkritiken – zum Inhalt seiner armseligen Kolumnenartikel macht.

Wann immer sich eine (auch noch so an den Haaren herbeigezogene) Gelegenheit bietet, wird das Ganze dann von Pisa mit eindeutig-zwei­deu­ti­gen Anspielungen sexueller und/oder fäkaler Natur angereichert. (Ich ver­zich­te hier auf die Wiedergabe einschlägiger Zitate.) Sigmund Freud hätte an Patienten dieses Schlages sicherlich seine Freude gehabt. Und selbst als massiver Gegner der Psychoanalyse ertappt man sich nach der Lektüre mancher Texte Peter Pisas bei dem Gedanken, dass an Freuds irrwitziger Lehre zumindest in Hinblick auf einige Extremfälle (neben Pisa denke ich da an seinen Redaktionskollegen Guido Tartarotti*) ja vielleicht doch etwas dran gewesen sein könnte.
*[siehe dazu insbesondere meinen Blog-Eintrag Toiletten-Journalismus]

In Zusammenhang mit Tarek Leitner fallen Peter Pisa in der zuvor er­wähn­ten Ausgabe seiner Kolumne nur folgende drei Dinge ein:

• Eine blöde und geradezu verleumderische Überschrift, die aus zwei Wörtern besteht: "Scheinbar tatsächlich". (Darauf wird unten zurück­zu­kom­men sein.)

• Ein einziger ganzer Satz; ebenfalls blöd: "Hurra, Tarek Leitner hat seinen Rekord im langen Fragestellen gebrochen: […]"

• Ein einziges Wort am Schluss: "Klaro." 

Mit einer solchen journalistischen "Leistung" schafft man es in eine der auf­lagen­stärksten österreichischen Tageszeitungen, die sich nach ihrem Selbst­verständnis noch dazu für ein Qualitätsmedium hält! Für eine solche journa­lis­tische "Leistung" wird dieser Mann auch noch bezahlt, und diese jour­nalistische "Leistung" finanzieren die Käufer/innen der Zeitung!

Anlass für Pisas oben wiedergegebene Hirnlosigkeit der 13 Worte war eine Äußerung Tarek Leitners, als dieser am vergangenen Sonntag (28. Oktober 2018) im Fernsehen die Diskussionssendung "Im Zentrum" moderierte. Thema war das österreichische Bundesheer.

Im Folgenden der Text von Pisas Artikel (Kurier vom 1. November 2018, im Internet abrufbar unter https://kurier.at/kolumnen/scheinbar-tatsaechlich/400311543).

Weder der Wortlaut und die Zeichensetzung noch der Aufbau des Texts (ein einziger Absatz plus einem eingerückten Wort am Schluss) wurden von mir verändert. Lediglich das, was als Zitat der angeblichen Fragestellung Tarek Leitners im Text steht, habe ich zur Verdeutlichung in Kursivdruck gesetzt.

Scheinbar tatsächlich
Hurra, Tarek Leitner hat seinen Rekord im langen Fragestellen gebrochen: „Jetzt ist ja bemerkenswert nicht, dass der Bundespräsident die finanzielle Unterdotierung anspricht, da herrscht ja weitgehend Einigkeit in dieser Runde, dass vieles nicht  bezahlt werden kann, Sie, äh, ziehen das in Zweifel, na bleiben wir gleich bei Ihnen, viel bemerkenswerter als diese Konstatierung des Zustandes ist ja, bedenkend auch die politische Herkunft des Bundespräsidenten, dass es scheinbar oder möglicherweise tatsächlich so einen Grundkonsens gibt, dass dieses Bundesheer in dieser Form die richtige Einrichtung ist, das war ja nicht immer so, da hats ja durchaus kritische Parteien, nicht zuletzt die Grünen gegeben auch, aber auch jeder Zivildiener, der sich einst einer Kommission stellen musste und seine Gewissensgründe dort erforscht wurden von dieser Kommission, war sozusagen per se oder musste es sein ein Gegner dieser Institution von ihrem Gedanken her ... IST DAS SO?“
   Klaro.

Wenn man das so vorgesetzt bekommt, erscheinen Tarek Leitners Aus­füh­rungen zugegebenermaßen chaotisch und wirr. Wenn man sich aber die Stelle im Fernsehen im Original anhört (und ansieht)*, wird einem schnell klar: Die Schuld daran trägt nicht Tarek Leitner, sondern die völlig ver­fälschte und unvollständige Wiedergabe seiner Äußerung durch Peter Pisa.
*(Die Sendung ist auf Youtube verfügbar: https://www.youtube.com/watch?v=_HZj0qfKNnw. Die strittige Passage mit Leitner beginnt ab 16:59.)

Sorgfältig transkribiert, hätten Leitners Ausführungen beispielsweise so zu lauten (und optisch präsentiert zu werden):

"Jetzt ist ja bemerkenswert – nicht, dass der Bundespräsident diese finan­zielle Unterdotierung anspricht (da herrscht ja weitgehend Einigkeit in dieser Runde, dass vieles nicht bezahlt werden kann) …

Sie [Marijana Grandits] ziehen das in Zweifel; bleiben wir gleich bei Ihnen.

Viel bemerkenswerter als diese Konstatierung des Zustandes ist ja das – bedenkend auch die politische Herkunft des Bundespräsidenten –, dass es (scheinbar oder möglicherweise tatsächlich) so einen Grundkonsens darüber gibt, dass dieses Bundesheer in dieser Form die richtige Ein­rich­tung ist für Österreich.

Das war ja nicht immer so. Da hat's ja durchaus kritische Parteien – nicht zuletzt die Grünen gegeben auch –, aber auch jeder Zivildiener, der sich einst einer Kommission stellen musste und seine Gewissensgründe dort tatsächlich erforscht wurden von dieser Kommission, war ja sozusagen per se – oder musste es sein – ein Gegner dieser Institution, von ihrem Gedanken her. Des war ja net so wie heute eine, eine Alternative zwischen zwei Möglichkeiten.

Ist das so – dass es, dass es diesen Grundkonsens jetzt gibt? Dass es eigentlich diese fundamentale Kritik an der Einrichtung gar nicht mehr gibt?"

So hat sich das Ganze angehört, und so ist es problemlos verständlich. (Kleinere sprachliche Unschärfen wird es meistens geben, wenn jemand aus dem Stegreif spricht.)

Drei schäbige Tricks sind Pisa vorzuwerfen:

1.
Ein gesprochener Text wird in der Regel durch kurze Pausen und durch die Intonation strukturiert (und damit für die Hörer/innen verständlich). Das lässt sich in einer Transkription zwar nicht perfekt, aber durchaus zufrieden­stel­lend umsetzen, indem man die üblichen Satzzeichen korrekt verwendet, Absätze macht und überdies etwa runde Klammern, Gedankenstriche zur Kenn­zeich­nung von Paren­the­sen, Auslassungspunkte usw. zum Einsatz bringt. Das Ergebnis wäre ein Transkript wie beispielsweise das oben von mir erstellte. (Auch in der TVthek des ORF gibt es eines zur Sendung, das zwar unzulänglich ist, aber der eben angestellten Überlegung ansatzweise zu entsprechen versucht.)

Anders hält es Peter Pisa: Er gebraucht im Zitat keine Absätze und nicht einmal Punkte (zur Kennzeichnung eines Satzendes). Er lügt damit den Leser/innen seiner Kolumne gleichsam visuell vor, Tarek Leitner hätte den ganzen Text in einem Schwall heruntergeleiert.

2.
Pisa beendet das Zitat von Leitners Äußerung mit den Worten "IST DAS SO"? Damit entsteht natürlich bei den Leser/innen der Kolumne unver­meidlich der Eindruck, Leitner hätte diese Frage gestellt, ohne dass klar wäre, worauf er diese denn bezieht.

In Wahrheit war das hingegen völlig klar – denn Leitner hat das, wonach er fragte, unmittelbar im Anschluss an die Frage erwähnt: 

"Ist das so – dass es, dass es diesen Grundkonsens jetzt gibt; dass es eigentlich diese fundamentale Kritik an der Einrichtung gar nicht mehr gibt?" 

Pisa hat das weggelassen, um den völlig verfehlten Eindruck zu erzeugen, Leitner hätte unverständlich gefragt. Das dem nicht so war, belegt auch die spontane Antwort der von Leitner angesprochenen Marijana Grandits, die ohne zu zögern meinte: 

"Ja, das glaub' ich schon, dass es die nach wie vor gibt, weil […]" 

Pisa hat also die entscheidenden Worte Leitners am Schluss des Zitats verschwiegen. Und er hat dessen Frage "IST DAS SO?" auch noch in Blockschrift gesetzt – offen­kundig in der Absicht, das vermeintlich Unklare an dieser Fragestellung (von dem er genau wusste, dass es nicht existiert!) besonders hervorzuheben.

Hier wurde also in einer Weise verdreht und manipuliert, die sich in ihrem Resultat nicht mehr von einer Lüge unterscheidet.

3.
Gleiches gilt für die Überschrift der Kolumne, also die Worte "Scheinbar tatsächlich".

Auch damit soll eine sprachliche Schwäche Tarek Leitners suggeriert werden, indem ihm der Gebrauch einer in sich widersprüchlichen Formu­lie­rung unterschoben wird. (Was tatsächlich ist, kann nicht bloß scheinbar sein, und umgekehrt.) Nur hat Leitner das so auch gar nicht gesagt. Er meinte vielmehr: 

"scheinbar oder möglicherweise tatsächlich" (gebe es einen Grund­konsens über die Sinnhaftigkeit des Bundesheers in seiner gegenwärtigen Form)

Die Worte "oder möglicherweise" sind also für den Sinnzusammenhang von entschei­dender Bedeutung – und dennoch (oder besser gesagt: gerade deshalb) hat Pisa sie weggelassen, um eine pseudo-originelle Überschrift zu bekommen und ein negatives Bild von Leitner als Moderator zu zeichnen. (Im Zitat selbst führt Pisa die zwei Worte zutreffend an. Und dennoch findet er nichts dabei, eine den Sinn völlig ent­stellende Überschrift zu konstruie­ren.)

Bilanz:
Wie soll man das nennen, was Pisa sich mit seiner Kolumne am vergan­genen Donnerstag geleistet hat? Unseriös? Niederträchtig? Skrupellos? Ver­lo­gen? Meiner Überzeugung nach passen alle diese Adjektive.

Und wozu machte er das? Ich nehme nicht an, dass ein persönlicher Konflikt zwischen ihm und Leitner dahintersteckt. Es ging Pisa offenkundig schlicht und einfach darum, seine Kolumne wieder einmal mit seinem spöttischen und substanzlosen Mist befüllen zu können. Wenn sich dafür in den letzten Tagen anscheinend keine tatsächlichen sprachlichen Ausrutscher im Fern­seh­programm als Anlass gefunden haben, dann werden sie eben rück­sichts­los erfun­den bzw. herbeikonstruiert; und dafür ist jedes Mittel der Mani­pulation und der Verfälschung recht.

Und das bringt mich zum Grundsätzlicheren. Drei Tage vor dem Erscheinen von Pisas Kolumne schrieb die nunmehrige Chefredakteurin des Kurier, Dr. Martina Salomon, in einem Leitartikel unter Anderem Folgendes (Kurier vom 29. Oktober 2018, im Internet: https://kurier.at/meinung/hilfe-wie-ueberlebt-man-in-diesen-zeiten/400301010 )

"Gerade in Zeiten, wo Manipulation so einfach geworden ist, braucht es Information, auf die man sich verlassen kann – ohne Mission, ohne Moralisieren, ohne Wehleidigkeit: Journalismus, der es ermöglicht, sich eine eigene Meinung zu bilden. Das ist unser Ziel. Und sollten Sie irgendwo einen Journalisten treffen, der die Wahrheit gepachtet hat: Seien Sie misstrauisch. Besserwisserei gibt es ohnehin inflationär und gratis im Netz."

Lässt sich die Großspurigkeit und Heuchelei solcher Beteuerungen und Ratschläge besser beweisen als durch eine kritische Lektüre des drei Tage darauf erschienenen Artikels Peter Pisas?

Mir ist schon klar: Salomons Überlegungen hinsichtlich Information, Mani­pu­lation, Wahrheit etc. betrafen sicherlich nicht primär die Ansichten eines Kolumnisten über die sprach­lichen Qualitäten eines Fernsehmoderators. Und in der Tat ist dieses Thema – für sich genommen – relativ harmlos und belanglos. Aber die Mechanismen, nach denen unseriöser Journalismus abläuft, lassen sich eben auch anhand des Falles Pisa vortrefflich studieren. (Im Übrigen habe ich schon in zahlreichen früheren Blog-Artikeln nachge­wiesen, dass es – gerade auch beim "Kurier" [aber natürlich nicht nur dort] – bei grundlegenden politisch-gesellschaftlich-ideologischen Themen gleich­falls ein massives Defizit an journalistischer Redlichkeit gibt.)

Jedenfalls fühlt man sich als kritischer Leser für blöd verkauft, wenn uns die Chefredakteurin die oben zitierte Predigt (bzw. Werbebotschaft für Bezahl-Medien) präsentiert und man kurz darauf Pisas Artikel vorgesetzt bekommt. "Journalismus, der es ermöglicht, sich eine eigene Meinung zu bilden", ist ein solcher Artikel jedenfalls nicht: Sein Verfasser verunglimpft grundlos und wider besseren Wissens einen (der wenigen) hervorragenden Medien­menschen. Klar, man kann sich unter Umständen (dennoch – und nicht dank dieses Journalismus!) eine eigene Meinung bilden (nämlich solange die betreffende Sendung in der TVthek des ORF oder anderweitig, wie in diesem Fall auf Youtube, abrufbar ist). Aber wer macht sich schon die Mühe, Fälschung und Original zu vergleichen?

Wie auch immer – ich habe es jedenfalls getan. Und mir anschließend in der Tat eine eigene Meinung gebildet – und zwar nicht nur über Tarek Leitners Moderation in der Diskussionssendung, sondern vor allem auch über Herrn Pisa und (wieder einmal) über Frau Dr. Salomon.

Freitag, 8. Juni 2018

Josef Votzi – ein Wendehals

Josef Votzi – Redakteur und Politik-Ressortchef beim "Kurier" – ist so ein richtiger Wendehals; natürlich bei Weitem nicht der einzige in seiner Zunft, aber ein besonders gelungenes Exemplar.

Beim Begriff "Wendehals" orientiere ich mich dabei an den Ausführungen in der Wikipedia, wo es diesbezüglich heißt:

"Als Wendehals, in Anlehnung an den Vogel Wendehals (…), wurden in der Zeit der Wende in der DDR 1989 Personen bezeichnet, die ihre Gesinnung vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden sozia­lis­ti­schen Systems stets der aktuellen politischen Lage anpassten. Bereits früher wurde dieser Begriff auf Opportunisten im Allgemeinen angewandt."

Ob es bei Votzi die jeweilige aktuelle politische Lage oder die jeweiligen Vorgaben der Chefredaktion (bzw. der Zeitungs­eigen­tümer) oder irgendwelche andere Motive sind, die ihn veranlassen, seine Gesinnung (oder das, was er als solche den Leser/innen präsentiert) wie das sprich­wörtliche Hemd zu wechseln, ist schwer zu beurteilen. Es ist für das Resultat aber auch nicht weiter von Bedeutung. Denn dieses Re­sul­tat ist – unab­hän­gig von den Motiven – ein Journalismus, der keinen Funken an Anstand, Glaubwürdigkeit und damit Vertrauenswürdigkeit besitzt.

In der Sache geht es (diesmal) um das Thema einer gerechten EU-weiten Aufteilung der Flüchtlinge, die im Wege entsprechender bindender Quoten für die einzelnen Mitgliedsländer angedacht war. Dieses (meines Erachtens sehr sinnvolle) Konzept scheiterte insbesondere am Widerstand diverser ost­europäischer Staaten, Flüchtlinge aufzunehmen.

Sehen wir uns an, wie Josef Votzi diese Situation beurteilt(e):

a) Am 28. Februar 2016 schrieb er dazu in einem Kurier-Leitartikel:

"Dass die Mehrheit der 28 EU-Staaten sich feige wegduckt und keinen einzigen Flüchtling auf- oder übernimmt, bleibt eine Schande."

(Bereits mit diesem – in sich widersprüchlichen und nicht schlüssigen – Leitartikel hatte ich mich in meinem Blog ausführlich beschäftigt, siehe hier.)

b) Fast auf den Tag genau ein Jahr später wiederholte Votzi die obige Einschätzung in einem Leitartikel vom 26. Februar 2017. Sogar den Wort­laut behielt er bei:

"Bei der Verteilung von Flüchtlingen […] ducken sich die meisten anderen EU-Nationen feige weg." 

(Diesen Leitartikel habe ich gleichfalls kritisch kommentiert, siehe hier.)

c) Und jetzt kommen wir in die Gegenwart: Wieder in einem Leitartikel Votzis, nämlich im Kurier vom 2. Juni 2018, klingt das plötzlich so:

"Hinter den Kulissen erkennen heute auch Gegner an: Sebastian Kurz hat in der Asylkrise 2015 [Anm.: damals als Außenminister] eine tragende Rolle als Eisbrecher für eine realistische Flüchtlingspolitik gespielt. Auf den EU-Bühnen wurden weiter unverdrossen Asyl-Quoten propagiert, obwohl das EU-Gros nichts davon wissen wollte. Hätten die Quoten-Prediger die Oberhand behalten, hätten heute in noch mehr EU-Staaten brandgefährliche Nationalisten das Sagen."
[Artikel im Internet hier abrufbar]

Konsequent ist Votzi nur in seiner ebenso penetranten wie lächerlichen Bewunderung für Sebastian Kurz' Flüchtlingspolitik. Diese Lobhudelei kennt man schon aus seinen früheren Leitartikeln und wurde von mir bereits eingehend kritisiert. Votzis Meinung über die Asylquoten (bzw. deren Be­für­worter) steht hingegen erstens de facto in diametralem Widerspruch zu seinen früheren (unter a und b zitierten) Aussagen; zweitens ist seine An­sicht auch in der Sache selbst unred­lich.

Zunächst zur Widersprüchlichkeit:

2016 und 2017 hat Votzi die Nichtaufnahme von Flüchtlingen durch diverse EU-Staaten als "feiges Wegducken" qualifiziert. Jetzt (im Juni 2018) ver­un­glimpft er auf einmal jene als "Quoten-Prediger", die sich damals (zu der Zeit, als er selbst die betreffenden Leitartikel schrieb, und sogar noch früher!) für eine gleichmäßige und gerechte Verteilung der Flüchtlinge aus­ge­sprochen hatten.

Wenn man ausschließt, dass Herr Votzi an Gedächtnisverlust leidet, kann ein solch eklatanter Wertungswiderspruch nur Ausdruck von journalistischer Gesin­nungs­losigkeit sein, die überdies auf die Vergesslichkeit bzw. den man­geln­den Archivierungseifer der Leser/innen baut und dadurch ganz beson­ders empörend ist.

Ich ahne ja, was der (unseriöse) Grund für Votzis 180°-Wende sein dürfte: Am 26. Februar 2017 schrieb er einen chauvinistischen "Österreich-zuerst"-Artikel – und da waren jene die Bösen, die keine Flüchtlinge (und folglich keine Quoten) wollten (weil sie durch ihren Widerstand im Ergebnis ver­hinderten, dass Österreich von Flüchtlingen entlastet wird). Am 2. Juni 2018 ging es (ihm) hingegen um etwas Anderes.

Damit kommen wir auch schon zur Unredlichkeit in Votzis Argumentation:

Dazu muss man sich zunächst klarmachen, welchen Zweck der Leitartikel vom 2. Juni 2018 verfolgt: Er trägt (in der Papierausgabe) den Titel "Ein Europa, das sich vor Selbstmord schützt" und soll propagandistisch Stim­mung für die EU machen (ganz anders als der Leitartikel vom 26. Februar 2017). In einem solchen Kontext sind Nationalisten Feindbild. Dement­spre­chend heißt es bei Votzi jetzt (am 2. Juni 2018) beispielsweise:

"In Italien wird ein Euro-Gegner zum Europaminister gemacht. […] Die Fraktion der glühenden Nationalisten erhält mit Italien einen Big Player, […]."

oder:

"Eine EU, die schützt, braucht auch nicht noch mehr Kleinstaaterei, das Beharren auf Vetorechten und eine Abkehr von der Reisefreiheit, wie sie FPÖ-Chef Strache propa­giert."

Man beachte das fiese Doppelspiel, das hier betrieben wird (natürlich bei Weitem nicht nur von Votzi):

• Die Rechten / Nationalisten werden immer dann – und nur dann! – als gefährlich eingestuft, wenn sie letztlich den ökonomischen Interessen, die die EU verkörpert, schaden könnten (an erster Stelle dabei immer das Thema Euro).

[Anmerkung: In analoger Weise dämonisiert werden natürlich im Bedarfsfall auch Linke, wie die Hetze der "Europa-Befürworter" gegen Griechenland im Jahre 2015 be­wie­sen hat; und ebenso alle anderen sogenann­ten "Popu­lis­ten" jedweder poli­ti­schen Ausrichtung (siehe die Reaktionen auf den Brexit in Großbritannien oder neulich auf den Wahlerfolg der europaskeptischen 5-Sterne-Bewegung in Italien).]

• Das Bild wandelt sich grundlegend, sobald es nicht um ökonomische, sondern um im weitesten Sinne humanitäre Fragen geht, insbesondere um solche der Asyl- und Ausländerpolitik. Da verhalten sich der sogenannte Mainstream und die "Liberalen" aller Schattierungen nämlich immer sehr kleinlaut gegenüber den Rechten bzw. den Nationalisten. Ja noch mehr: Da bleibt nicht nur Kritik aus, sondern man identifiziert sich oft sogar mit den ein­schlägigen Auffassungen – und zwar immer unverhohlener. (Bereits meine oben verlinkten Kommentare zu den früheren Votzi-Leitartikeln führen das näher aus.)

Auch im Leitartikel vom 2. Juni 2018 findet sich wieder ein Satz, der die enge geistige Verwandtschaft von Rechten/Nationalisten und "Krypto-Rechten" im Umgang mit (dem) Fremden belegt. Votzi schreibt:

"Der Kanzler [Kurz] gratulierte derweil auf Twitter der dänischen Regierung zum Burka-Verbot – nach Frankreich und Österreich setzt ein Land mehr ein symbolisch wichtiges Zeichen."

Na ist das nicht eine traute Harmonie? FPÖ (zB. "Josef & Maria statt Burka und Scharia" [so ein Posting des Rings Freiheitlicher Jugend Nieder­öster­reich]*) – der hochehrwürdige Sebastian Kurz – und der journalistische Ver­mittler Josef Votzi in bestem Gleichklang. Ein "symbolisch wichtiges Zei­chen" ist für ihn das Burka-Verbot.
*[siehe etwa die Abbildung auf vienna.at]

Die Affinität von Krypto-Rechts zu Original-Rechts wird aber oft noch um eine Stufe vertrackter: Man befürwortet und man tut (beim Ausländerthema) genau das, was die (Original-)Rechten wollen – mit der Begründung, dass es einen weiteren Zulauf zu den (Original-)Rechten zu verhin­dern gelte.

Konkretes Beispiel in Votzis Leitartikel vom 2. Juni 2018:

"Hätten die Quoten-Prediger [in der EU] die Oberhand behalten, hätten heute in noch mehr EU-Staaten brandgefährliche Nationalisten das Sagen."

Die dahintersteckende Denkweise lautet also: "Die Nationalisten (oder Original-Rechten) wollen (im Gleichklang mit dem überwiegenden Teil der einheimischen Bevölkerung) keine Ausländer im Land. Daher sind Asyl-Quoten schlecht; denn ihre Einführung könnte den Nationalisten noch mehr Popularität und Erfolg verschaffen. Und das gilt es zu verhindern. Nicht weil uns ihre Asyl- und Fremdenpolitik stört – ganz und gar nicht. Aber weil sie europakritisch oder -feindlich sind und dies für das herrschende ökonomi­sche System (das die EU verkörpert und das wir mit Zähnen und Klauen verteidigen) von Nachteil (alias: 'brandgefährlich') sein könnte."

Ich zitiere dazu, was ich in meinem oben verlinkten Blog-Artikel vom 2. März 2017 geschrieben hatte:

"[…] ein Appell [Votzis] an die Regierung(sparteien): 'Handelt weiterhin so, wie es die Rechten gern tun würden, damit nicht die Rechten an die Macht kommen und es dann selbst tun.'

Die Absurdität dieser Argumentation (die übrigens keineswegs nur bei Votzi anzutreffen ist) müsste man einmal gesondert abhan­deln."

Abgesehen davon, dass die Rechten in Österreich inzwischen ohnedies an der Macht sind, muss man das mit der Absurdität vielleicht etwas relati­vie­ren: Natürlich ist ein Appell, wie ich ihn in meinem Text pointiert formuliert habe, für sich genommen absurd, ja paradox. Keine Frage. Aber Herrn Votzis Leitartikel vom 2. Juni 2018 hat mir vor Augen geführt, dass dabei doch auch (ein schäbiges, aber logisches) Kalkül der Krypto-Rechten dahintersteckt:

Krypto-Rechts (bis Liberal) will einen Vormarsch von Original-Rechts aus europapolitischen (und damit letztlich ökonomischen) Interessen verhindern. Mittel zum Zweck ist dabei die Ausländerpolitik, bei der man sich gern zum Handlanger der Original-Rechten machen lässt. Und zwar "gern" in dop­pel­tem Sinne: erstens, weil man diese damit in Schach hält und so den Bestand der (eigenen) System-Interessen gegenüber den "EU-Feinden" schützt; und zweitens, weil man dabei das tun kann, was einem ohnedies zusagt (oder womit man jedenfalls kein Problem hat): gegen Flüchtlinge, Zuwanderung, Islam etc. zu agieren und zu agitieren.

Sonntag, 13. Mai 2018

Arik Brauer und die Rechten

Wo soll ich heute mit der Kritik ansetzen? In schon bewährter Manier bei der Kurier-Journalistin Dr. Martina Salomon oder beim Maler und Lieder­macher Arik Brauer? Letzterer hielt am 8. Mai (also wenige Tage nach Michael Köhlmeier) ebenfalls eine "offizielle" Gedenkrede (im Bundes­kanz­ler­amt). Und schon zuvor hatte er im "Kurier" zwei höchst problematische Interviews gegeben (am 3. April 2018 [Link] und am 5. Mai [Papierausgabe: 6. Mai] 2018 [Link]).

Problematisch sind sie einerseits aus inhaltlichen Gründen; aber vor allem auch durch die Lebensgeschichte Brauers: Er wurde 1929 in Wien geboren, stammt aus einer jüdischen Familie, sein Vater starb in einem Konzentra­tions­lager; er selbst überlebte – teilweise versteckt – in Wien.

Was immer jemand wie er – also ein unmittelbar Betroffener – zu den Themen Nationalsozialismus und Antisemitismus zu sagen hat (und wie immer er sich in solchen Belangen verhält), ist deshalb zunächst einmal als authentisch, beachtenswert und relevant anzusehen – es ist jedenfalls als seine subjektive Wahrheit und Richtigkeit unbedingt zu respektieren und ernst zu nehmen. Dass genau dadurch die Kritik daran erschwert wird, ist eben Teil der Problematik.

(Für alle anderen Themen, zu denen er sich äußert – etwa zur Frage der Zuwanderung im Allgemeinen oder des Islam im Allgemeinen – gilt das übrigens meiner Überzeugung nach eindeutig nicht: Brauer mag auch dazu wie jeder andere Mensch seine Meinung abgeben. Aber seine diesbe­züg­lichen Ansichten haben keinesfalls automatisch mehr Gewicht, Rele­vanz oder Autorität als jene irgendeines sonstigen Durchschnittsbetrachters der jeweiligen Materie.)

Ich beginne bei den (politischen bzw. journalistischen) Reaktionen auf Brauers Rede bzw. Interviews. Diese Reaktionen sind leider so ausgefallen, wie es zu erwarten war: Seine Äußerungen (und sein freundliches Verhalten gegenüber Strache im Bundeskanzleramt) sind Wasser auf die Mühlen der Rechten (aller möglichen Schattierungen, aber insbesondere natürlich der FPÖ), die all das nun als eine Art Persilschein hinsichtlich ihrer eigenen Gesinnung vereinnahmen können.

(Das erinnert fatal an Ereignisse in den späten 1980er-Jahren, mit Viktor Frankl einer­seits und der damaligen FPÖ unter Jörg Haider andererseits: Teilweise relativierende Äußerungen des Juden und ehemaligen KZ-Häftlings Frankl über Schuld und Verant­wortung in Zusammenhang mit dem Natio­nal­sozialismus wurden damals von Haider und seiner Partei mit Begeisterung aufgegriffen und zur eigenen Imagepflege ausgenutzt.)

Im aktuellen Fall sieht die Sache beispielsweise so aus:

Ich zitiere den berühmt-berüchtigten Journalisten Michael Jeannée, der am 10. Mai 2018 in seiner Kolumne ("Post von Jeannée") in der "Kronen-Zei­tung" unter anderem die folgenden pathetisch-schmalzig-lächerlichen, aber gera­de dadurch entlarvenden Peinlichkeiten in Zusammenhang mit Brauers Gedenkrede schrieb:

"Hörbares Luftholen derselben Kreise [Anm.: wie sich aus dem Satz davor ergibt, meint Jeannée den Standard-Journalisten "Hans Rauscher und Kon­sor­ten"] zu Deinem [= Brauers] anschließenden Shakehands mit Heinz-Chris­tian Strache (…). 

Balsam fürs Land!

[…]

Dein spontanes Händeschütteln mit dem Chef der Freiheitlichen und Vize­kanzler ist die Geste des Jahres wider den Hass, wider Gräben, wider Unversöhnlichkeit, wider Dummheit.

Du, Arik Brauer, bist begnadet. Als Maler und Liedermacher sowieso. Aber nun auch als Zeitzeuge.

Bist der Mann der Stunde, wie sie wichtiger noch niemals schlug.

Die Stunde der Versöhnung.

Deine Stunde, Arik, für die Jahve Dich gesunde 89 Jahre alt werden ließ.

Ich glaube, dass nach deiner Gedenkrede, Deinem Händereichen nichts mehr so ist wie vorher.

Es ist mir eine Ehre, Dich persönlich zu kennen.

Schalom!"
[Vollständiger Artikel abrufbar auf pressreader.com]  

Ein derart kitschig-schleimig-schwülstiger Schmus klingt wie eine Satire auf eine Zeitungskolumne – und doch ist es absurde und traurige (Medien-)Re­a­lität.

Jetzt könnte man sagen: "Kronen-Zeitung und Jeannée – wen wundert's?" Aber der rechte Herr von der rechten (und auflagenstärksten österrei­chi­schen) Zeitung hat in der Arik-Brauer-Bewunderung (und sicherlich nicht nur darin) eine Gleichgesinnte im Konkurrenzblatt:

Dr. Martina Salomon würdigte ebenfalls am 10. Mai 2018 in einem Leitartikel im "Kurier" Arik Brauers Aktivitäten der letzten Tage (Titel ihres Texts: "Ringen um Aufklärung und Antifaschismus"; im Internet hier nach­zu­lesen). Salomon schreibt (wohl in mehrfachem Wortsinn) nüchterner als ihr Kollege; und ganz wie es dem subtileren (man könnte auch sagen: raffinierteren) Ton des "Kurier" und dieser Journalistin entspricht, fällt die verbale Verbeugung vor Arik Brauer nicht so grotesk aus wie bei Jeannée, lässt aber an Deutlichkeit gleichfalls nichts zu wünschen übrig. Nachdem sie Brauer zwei Mal zitiert hat, beschließt Salomon ihren Artikel mit folgenden Worten:

"[…] Und man packt viel zu schnell die Faschismuskeule aus. Das ist nicht mutig, dafür gibt es immer Applaus. Es ist Zeit für Zwischentöne. Danke, Arik Brauer, dafür."

Also auch hier dieses anbiedernde Dankbarkeitsgetue, dessen Ekel­haftig­keit nur deshalb weniger auffällt, weil man erst gerade zuvor Jeannées entrückt-verrückte Suada gelesen hat.

Wofür Jeannée (journalistisch-menschlich) steht, ist hierzulande durchwegs bekannt (und wird immerhin doch von einigen – wenn auch viel zu wenigen – kritisiert). Dieser Herr (und sein Ruf) spricht für sich; eine weitere Be­schäf­ti­gung mit ihm erachte ich als überflüssig.

Wofür Salomon (journalistisch-menschlich) steht, ist hingegen nicht immer so auf den ersten Blick erkennbar. Das liegt daran, dass sie – wie erwähnt – ihre Botschaften subtiler unter das Volk bringt als Holzhammer-Publizisten à la Jeannée. Das heißt aber keineswegs, dass es inhaltlich-gesinnungs­mäßig keine Parallelen oder Gemeinsam­keiten zwischen diesen beiden jour­nalistischen Koryphäen gäbe. (Diesen Sachverhalt einmal näher zu unter­su­chen, wäre eine reizvolle Aufgabe für eine Publizistik-Dissertation.)

Was von Frau Dr. Salomon zu halten ist – oder präziser formuliert: was ich von ihr halte –, geht aus mittlerweile schon zahlreichen Einträgen hier in meinem Blog hervor und wird von mir auch immer peinlichst genau be­grün­det. Auf ein paar diesbezügliche Details werde ich weiter unten zurück­kom­men.

In ihrem Leitartikel vom 10. Mai übt Salomon – wenig überraschend – Kritik an jener Gedenkrede, die Michael Köhlmeier am Freitag davor gehalten hat (Wortlaut der Rede und Youtube-Link hier in meinem Blog). Auch das schreibt sie nüchtern und subtil, indem sie befindet:

"Die Mai-Gedenktage haben gezeigt, wie schwer eine differenzierte Be­trach­tung ist, selbst für einen so großartigen Schriftsteller wie Michael Köhlmeier, der die Regierung geistig in die Nähe des verbrecherischen NS‑Regimes rückte."

Leider kann ich Salomon nicht entgegenhalten, was als Antwort auf ihre Behauptung naheläge: nämlich dass sie damit lügt. Denn es gibt in Köhl­meiers Rede in der Tat eine einzige (eher nebenbei getroffene) Aussage, von der man allenfalls behaupten kann, er habe damit die (gegenwärtige österreichische) Regierung in die Nähe des NS-Regimes gerückt. Und zwar, indem er kritisch den Innenminister zitierte, der "wieder" (gemeint also offenkundig: wie seinerzeit die Nazis) davon gesprochen habe, dass Menschen "konzentriert gehalten werden sollen" (s. dazu näher Fußnote 4 in meinem vorigen, oben verlinkten Blog-Eintrag zur Rede).

Sonst war da absolut nichts in der Köhlmeier-Rede, was einen Konnex zwischen derzeitiger Regierung und NS-Regime hergestellt hätte. Diese Bezugnahme auf den Innenminister rettet Salomon vor dem Vorwurf der Lüge – auch wenn sie mit ihrer Behauptung höchstwahrscheinlich auf eine andere Stelle in der Rede abzielte; nämlich jene, in der Köhlmeier sagte:

"Es hat auch damals schon Menschen gegeben – auf der ganzen Welt –, die sich damit brüsteten, Flucht­routen geschlossen zu haben."

Diese Äußerung wurde – von manchen wohl irrtümlich aus Lese- bzw. Hörschwäche und von Anderen (bis hinauf zu Kanzler Kurz höchstpersönlich) wider besseren Wissens – als Vergleich mit dem NS-Regime qualifiziert. Von Letzterem ist allerdings in dem Zitat weder direkt noch indirekt die Rede: Es geht um jene "auf der ganzen Welt" (also in potenziellen Auf­nah­me­staaten für Verfolgte!), die sich mit der Schließung von Flucht­routen zur Zeit des Nationalsozialismus brüsteten. Und dieser Vergleich ist völlig be­rech­tigt, und den muss sich Kurz deshalb sehr wohl gefallen lassen.

Worauf Salomon nun konkret anspielt, wenn sie in ihrem Text behauptet, Köhlmeier hätte die Regierung in die geistige Nähe des NS-Regimes gerückt – auf sein Zitat der Äußerung des Innenministers oder auf die Flucht­routen-Sequenz? –, möge letztlich jede/r für sich selbst beurteilen.

Nach diesem Tadel für Köhlmeier wendet sich Salomon jedenfalls Arik Brauer zu und meint:

"Arik Brauer führte die feinere Klinge."

Das begründet sie mit einem Zitat Brauers aus dem Kurier-Interview vom 3. April. Brauer habe da nämlich laut Salomon "Wichtiges" (!) gesagt. Und zwar Folgendes:

"Für mich ist die muslimische Einwanderung schuld daran, dass die FPÖ zu einer Massenpartei werde konnte und in der Regierung sitzt. Die Rechten haben von Anfang an begriffen, dass die muslimische Migration ein Pferd ist, auf dem man vorwärts reiten kann. Sie haben aber nicht begriffen, wie man die Probleme wirklich löst, weil es ihnen ja nur um die Macht gegangen ist."

Das ist natürlich genau das, was Leute wie Salomon (und mit ihr sicher die Mehrheit in diesem Land) hören wollen: "Die Moslems sind schuld." – Von feiner(er) Klinge bemerke ich bei dieser Brauer-Aussage jedenfalls nichts.

Und ja: Vergleiche der heutigen Islamophobie mit dem Antisemitismus der Zwischen­kriegs- bzw. Nazizeit sind berechtigt, auch wenn das reflex­artig bei Vielen zu (geheuchelter) Empörung über vermeintlich unangemes­se­ne Gleich­setzungen führt:

Das "gesunde Volksempfinden" sucht sich immer diabolisch seine Sünden­böcke: Das waren "damals" die Juden, und es sind heute (primär) die Moslems. Deshalb schrieb auch Barbara Coudenhove-Kalergi vor etwa einem Monat in einem Kommentar in der Zeitung "der Standard" völlig zutreffend: "Antiislamismus ist der neue Antisemitismus." (Der Artikel ist hier veröffentlicht.)

Wer ein konkretes Beispiel mit einem klaren Nachweis der Parallelen haben möchte, der lese sich meinen Blogeintrag "Fasching und Flüchtlingskrise" durch (der Link folgt unten). Darin habe ich die erschreckenden Gemein­sam­keiten zwischen judenfeindlichen Faschingsumzügen der 1930er-Jahre und flüchtlings- bzw. insbesondere moslem-feindlichen Umzügen im Öster­reich (und im Deutschland) des Jahres 2016 ausführlich dargelegt.

Verfehlt und irreführend ist Arik Brauers Ursachenforschung betreffend die FPÖ-Erfolge, weil er an der falschen Stelle ansetzt: Nicht die "muslimische Ein­wanderung" ist "schuld" am Aufstieg der FPÖ, sondern es ist die Ein­stel­­lung weiter Teile der (einheimischen) Bevölkerung (gegenüber Fremden, Flücht­lingen, Moslems im Besonderen): Es sind die Xenophobie und der Rassismus der Men­schen – oder wie man das ja bei uns im Sinne des Orwell'schen Newspeak korrekt formulieren muss: es sind "die Ängste" der Menschen (vor der Zu­wan­derung etc.), die zum Erfolg rechter Politik und rechter Parteien führen.

Gerade in diesem Zusammenhang muss der Vergleich mit der Zwi­schen­kriegszeit ebenfalls erlaubt sein: Die Juden waren zwar bereits im Land (es ging also nicht um Zuwanderung, sondern um als "fremd" empfundene Einheimische). Aber war denn etwa die "Angst" vieler Deutscher vor (bzw. die Abneigung gegenüber) Juden – kurz gesagt: der Antisemitismus – nicht auch wesentliches Element für die Wahlerfolge der NSDAP (die bekanntlich auf demokratischem Wege an die Macht gekommen ist)?

Wenn man beispielsweise sagen würde, das (damalige) "Judentum in Deutschland" (oder das "Wirken der Juden in Deutschland" oder "der Einfluss der Juden") sei "schuld daran" gewesen, dass es zum Aufstieg des Nationalsozialismus gekommen sei, würde eine solche Behauptung umge­hend als antisemitisch verurteilt werden – und zwar völlig zu Recht. An Arik Brauers (und natürlich nicht nur an seine) Bewertung der "muslimischen Einwanderung" ist dann aber ein analoger Maßstab anzuwenden: Ist jene Personengruppe "schuld", die durch ihre bloße Präsenz (Juden) bzw. ihr bloßes Erscheinen (Moslems/Flüchtlinge) den "Unmut" und das "Unbehagen" (bzw. die vorgeblichen "Ängste"), ja die Aggressionen und den Hass der Mehrheits­bevölke­rung auslöst? Oder sind es nicht vielmehr eben diese irrationalen Emotionen einer Masse?

Anders gesagt:
Niemand war (oder ist) gezwungen, zum Antisemiten zu werden (und niemand war im Deutschland zu Beginn der 1930er-Jahre gezwungen, braun zu wählen), bloß weil Juden in "seinem" Land leb(t)en. Und niemand ist gezwungen, xenophob und/oder islamophob zu werden (und in weiterer Folge blau, schwarz-türkis oder sonstwie rechts zu wählen), bloß weil Moslems in sein Land kommen. – So einfach ist die Sache!

Zurück zu Salomons Leitartikel. Das zuvor erwähnte Brauer-Zitat ist wieder einmal Anlass für besorgte Worte Salomons zum Thema Zuwanderung ("Anteil an Bürgern mit Migrationshintergrund (ist) [in Wien] mittlerweile extrem hoch" usw.). Ja, ja. Aber eigentlich sollte es in dem Leitartikel um etwas ganz Anderes gehen (um die Gedenkreden zum Kriegsende, die "Schatten der NS-Vergangenheit" [wie sogar der Zwischentitel des Leit­artikels lautet] usw.). Wieso "verirrt" sich in einen solchen Artikel dann zum Beispiel der sehnsuchtsvolle Wunsch seiner Verfasserin, wonach "zu hoffen" sei, "dass der künftige Wiener Bürgermeister einen neuen Kurs [in der Zuwanderungs­frage] fährt" ? Nun, das ist wieder die bekannte, perfide jour­na­lis­ti­sche Masche (wie man sie natürlich auch aus der Politik kennt): Platziere hartnäckig deine Botschaften, egal ob sie zum eigentlichen Thema passen (bzw. lenke das eigentliche Thema in die Richtung, die dir für das Platzieren deiner Botschaften nützlich ist).* Hier hat ihr Brauer natür­lich ohne­dies mit seiner "wichtigen" Äußerung zur muslimischen Ein­wan­derung das willkommene Stichwort geliefert. (Und dafür gibt es ja dann im Ge­gen­zug auch den Dank der Verfasserin.) 
*) (Von Salomon haben wir das erst neulich bei ihrem Leitartikel zum 1. Mai besonders unverfroren erlebt. Ich habe das in diesem Blog-Eintrag näher dargelegt und kritisiert: Zum 1. Mai.)

Gegen Ende des Leitartikels behauptet Salomon (wie schon oben zitiert):

"Und man packt viel zu schnell die Faschismuskeule aus. Das ist nicht mutig, dafür gibt es immer Applaus."

Da ist es mir doch ein Anliegen, darauf hinzuweisen, dass es gerade jemandem wie Frau Dr. Salomon nicht gut ansteht, sich über angebliche Faschismuskeulen zu beklagen.

Als Faschistin würde ich sie zwar nicht bezeichnen (schon deshalb, um mir keine rechtlichen Scherereien einzuhandeln). Sie ignoriert aber naiverweise (?) Parallelen zwischen dem "echten" Faschismus (von damals) und faschis­toiden Tendenzen von heute. Besonders deutlich wurde das in Zusam­men­hang mit dem schon oben erwähnten Thema der Faschingsumzüge. Der seinerzeit von mir verfasste Blog-Artikel war (insbesondere) auch eine Abrechnung mit Salomons diesbezüglicher Blauäugigkeit, Ahnungslosigkeit, Gleichgültigkeit, Ignoranz (oder was auch immer es gewesen sein mag). (siehe den Eintrag Fasching und Flüchtlingskrise)

Und an das Ende stellte ich damals eine Äußerung Salomons, die in ganz ähnlicher Form in einem berüchtigten Propagandafilm der Nazis gefallen war. Nein, nein. Dass sie Faschistin wäre, lässt sich damit nicht belegen. Aber Köhlmeiers zutreffende Worte aus seiner Rede fallen mir auch in diesem Zusammenhang ein:

"Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem Schritt. Nie. Sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung."

(Vielleicht sind das – leider – die besten und "schönsten" Worte seiner Rede.)

Abschließend nochmals zurück zu Arik Brauer. In dem erwähnten Kurier-Interview vom 6. Mai 2018 meinte er beispielsweise:

"Was die FPÖ betrifft: Es gibt sie. Sie hat einen Teil der Bevölkerung hinter sich, die keine Massen-Nazis sind. Deswegen werden wir mit ihr leben müssen. Ob uns das gefällt oder nicht, ist unerheblich. Dass die FPÖ-Minister nicht nach Mauthausen [Anm.: zur Gedenkfeier aus Anlass der Befreiung des Konzentrationslagers] eingeladen sind, ist ein großer Fehler."

Das alles kann man so sehen – oder auch ganz anders. Gleiches gilt für diverse andere problematische Stellen in beiden Interviews.

Dass Brauer nun für die Vereinigte Rechte des Landes eine Art Held geworden ist – nicht nur, aber schon allein dieser Umstand spricht jedenfalls stark für eine andere Sichtweise als seine. Nämlich eine weitaus weniger mild-pragmatisch-nonchalante und statt dessen eine weitaus kritischere Sichtweise – sowohl gegenüber politischen Parteien als auch gegenüber der hiesigen soge­nann­ten Mehr­heits­­gesell­schaft (einschließlich ihrer Ge­schich­te der letzten 80, 90 Jahre).

Wenn etwa Jeannée über Arik Brauers Händedruck mit Strache befindet, dies sei die "Geste des Jahres wider den Hass, wider Gräben, wider Un­ver­söhnlichkeit, wider Dummheit", dann ist klar, wie der Krone-Autor im Umkehr­schluss insbesondere über jene Juden denkt, die sehr wohl auf der Kon­takt­sperre zur FPÖ beharren. Dass Jeannée dies jetzt auch ganz unver­blümt in die Zeitung schreiben konnte (und damit einen unter­schwel­li­gen Anti­semi­tismus gegen – aus seiner Sicht – unversöhnliche, hassende und dumme Juden forciert), ist das fragwürdige Verdienst Arik Brauers.

Dienstag, 8. Mai 2018

Die Rede Michael Köhlmeiers

Am vergangenen Freitag (4. Mai 2018) hielt der Schriftsteller Michael Köhlmeier im Zeremoniensaal der Wiener Hofburg eine Rede. Anlass war eine von den Präsidenten der zwei Kammern des österreichischen Par­la­ments organisierte Veranstaltung zum jährlich (am 5. Mai) stattfindenden "Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus" (Näheres zum Gedenktag steht zum Beispiel auf der Webseite erinnern.at). 

Als Zuhörer anwesend war unter Anderem ein Großteil der ÖVP-FPÖ-Bundes­regie­rung. (Bundeskanzler Kurz war wegen Erkrankung nicht dabei.)

Ich finde, dass bei dieser Rede – die viel Aufsehen erregte – einfach alles passt: An vorderster Stelle natürlich ihr Inhalt; darüber hinaus war sie aber auch goldrichtig in Hinblick auf die Veranstaltung, deren Rahmen und das Publikum.

Die Rede wurde auch im Fernsehen übertragen und ist im Moment noch in der sogenannten TV-Thek des ORF abrufbar. Weil Sendungen dort aber nur über (sehr) begrenzte Zeit zur Verfügung gestellt werden, verlinke ich zu Youtube, wo jemand diesen Fernsehmitschnitt dankenswerterweise hoch­ge­laden hat: https://www.youtube.com/watch?v=mtyN7SrIiE0

Ich habe die folgende Mitschrift von Köhlmeiers Rede angefertigt (ergänzt um ein paar Fußnoten – insbesondere deshalb, um einige tagesaktuelle Bezugnahmen Köhlmeiers auch noch in Zukunft verständlich zu halten):

"Sehr geehrte Damen und Herren!

Präsident Sobotka hat mir Mut gemacht, als er gesagt hat, man muss die Dinge beim Namen nennen. Und bitte erwarten Sie nicht von mir, dass ich mich dumm stelle. Nicht an so einem Tag und nicht bei so einer Zusammen­kunft.

Ich möchte nur Eines: Den Ermordeten des NS-Regimes, von deren Leben die jungen Damen und Herren vorhin so unglaublich ein­dring­lich berichtet haben, in die Augen sehen können. Und sei es auch nur mit Hilfe Ihrer und mit Hilfe meiner Einbildungskraft.

Und diese Menschen höre ich fragen: Was wirst Du zu jenen sagen, die hier sitzen und einer Partei angehören, von deren Mitgliedern immer wieder einige nahezu im Wochen­rhythmus naziverharmlosende oder antisemitische oder rassistische Meldungen abge­ben; entweder gleich in der krassen Öffentlichkeit oder klammversteckt in den Foren und sozialen Medien. Was wirst du zu denen sagen?

Willst du so tun, als wüsstest du das alles nicht? Als wüsstest du nicht, was gemeint ist, wenn sie ihre Codes austauschen. Einmal von 'gewissen Kreisen an der Ostküste' sprechen.1) Dann mit der Zahl 88 spielen.2) Oder wie eben erst den Namen 'George Soros' als Klick verwenden zu Verschwörungstheorien in der unseligen Tradition der Protokolle der Weisen von Zion. Der Begriff 'stichhaltige Gerüchte' wird seinen Platz finden im Wörterbuch der Niedertracht und der Verleumdung.3)

Gehörst du auch zu denen, höre ich fragen, die sich abstumpfen haben lassen? Die durch das gespenstische Immer-Wieder dieser Einzelfälle nicht mehr alarmiert sind, sondern im Gegenteil das häufige Auftreten solcher Fälle als Symptom der Landläufig­keit abtun; des Normalen, 'Des kenn ma eh schon', des einschläfernden 'Ist nix Neues'.

Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem Schritt. Nie. Sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung. Erst wird gesagt, dann wird getan.

Willst du es dir – so höre ich fragen – des lieben Friedens willen widerspruchslos gefallen lassen, wenn ein Innenminister wieder davon spricht, dass Menschen 'konzentriert gehalten werden sollen'? 4)

Willst du feige die Zähne zusammenbeißen, wo gar keine Veran­las­sung zur Feigheit besteht? Wer kann dir in deinem Land, in deiner Zeit schon etwas tun, wenn du die Wahrheit sagst?

Wenn diese Partei, die ein Teil unserer Regierung ist, heute dazu aufruft, dass Juden in unserem Land vor dem Antisemitismus mancher Muslime, die zu uns kommen, geschützt werden müssen, so wäre das recht. Und richtig. Allein – ich glaube den Aufrufen nicht.

Anti-Islamismus soll mit Philo-Semitismus begründet werden. Das ist genauso verlogen wie ehedem die neonkreuzfuchtelnde Liebe zum Christentum.5)

Sündenböcke braucht das Land.

Braucht unser Land wirklich Sündenböcke?

Wer traut uns solche moralische Verkommenheit zu?

Kann man in einer nahestehenden Gazette schreiben, die befreiten Häftlinge aus Mauthausen seien eine 'Landplage' gewesen, und sich zugleich zu Verteidigern und Beschützern der Juden aufschwingen? 6)

Man kann. Ja, man kann.

Mich bestürzt das Eine – das Andere glaube ich nicht. Und wer das glaubt, ist entweder ein Idiot. Oder er tut so, als ob; dann ist er ein Zyniker. Und beides möchte ich nicht sein.

Meine Damen und Herren, Sie haben diese Geschichten gehört, die von den jungen Menschen gesammelt wurden. Und sicher haben Sie sich gedacht: 'Hätten diese armen Menschen damals doch nur fliehen können.' Aber Sie wissen doch: Es hat auch damals schon Menschen gegeben – auf der ganzen Welt –, die sich damit brüsteten, Flucht­routen geschlossen zu haben.7)

Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich heute vor Ihnen sagen soll. Und mir wäre lieber gewesen, man hätte mich nicht gefragt, ob ich sprechen will. Aber man hat mich gefragt, und ich empfinde es als meine staatsbürgerliche Pflicht, es zu tun.

Es wäre so leicht, all die Standards von 'Nie wieder' und bis 'Nie vergessen' – diese zu Phrasen geronnenen Betroffenheiten – anein­anderzureihen, wie es für Schulaufsätze vielleicht empfohlen wird, um eine gute Note zu bekommen.

Aber dazu müsste man so tun, als ob. Und das kann ich nicht, und das will ich nicht.

Schon gar nicht an diesem Tag, schon gar nicht bei dieser Zusam­men­kunft. Ich möchte den Opfern, die mit Hilfe der Recherchen und der Erzählungen dieser jungen Menschen und mit Ihrer und mit meiner Einbildungskraft zu mir und zu Ihnen sprechen und mir zuhören – ihnen möchte ich in die Augen sehen können. Und mir selbst auch.

Und mehr habe ich nicht zu sagen. Danke."
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1) Der in New York ansässige Jüdische Weltkongress spielte 1986 bei der Aufdeckung und Verurteilung der Kriegsvergangenheit des damaligen Bun­des­präsidentschafts­kandidaten Kurt Waldheim eine entscheidende Rolle. In Österreich kam damals die Formulierung von "gewissen Kreisen an der Ostküste" auf, welche Waldheim – und in weiterer Folge Österreich – diffamieren würden.

2) Die Zahl 88 steht in der rechten Szene als Kürzel für "Heil Hitler" (auf­grund des "H" als 8. Buchstaben des Alphabets).

3) George Soros ist ein in Ungarn geborener, aus einer jüdischen Familie stammender US-amerikanischer Investor. Einer der beiden Klubobmänner der FPÖ, Johann Gudenus, hatte vor wenigen Tagen in einem Zei­tungs­interview gemeint, es gebe "stichhaltige Gerüchte", wonach Soros daran betei­ligt sei, "Migrantenströme nach Europa zu unterstützen". Zu den Pro­to­kollen der Weisen von Zion siehe etwa den Eintrag in der Wikipedia.

4) Der FPÖ-Innenminister Herbert Kickl hatte im Jänner 2018 in einer Pressekonferenz erklärt, dass er sich dafür ausspreche, Asylwerber künftig in Grundversorgungszentren unterzubringen. Dort gelinge es, "diejenigen, die in ein Asylverfahren eintreten, auch entsprechend konzentriert an einem Ort zu halten" (s. etwa den Mitschnitt auf Youtube). Manche deute­ten diese Formulierung als eine Anspielung auf Konzentrationslager.

5) Ich vermute, mit "neonkreuzfuchtelnde Liebe zum Christentum" spielt Köhlmeier auf eine Aktion des FPÖ-Parteiobmanns und nunmehrigen Vize­kanzlers Heinz-Christian Strache im EU-Parlamentswahlkampf 2009 an: Strache trat mit einem Kreuz in der Hand auf, um damit der damaligen FPÖ-Wahlkampfparole "Abendland in Christenhand" Nachdruck zu verleihen.

6) In der Zeitschrift "Die Aula" hieß es in der Ausgabe vom Juli/August 2015 in einem Artikel mit dem Titel "Mauthausen-Befreite als Massenmörder" unter Anderem: "Die Tatsache, dass ein nicht unerheblicher Teil der befrei­ten Häftlinge aus Mauthausen den Menschen zur Landplage gereichte, gilt für die Justiz erwiesen und wird heute nur noch von KZ-Fetischisten be­strit­ten."
Die in Rede stehende Zeitschrift ist laut FPÖ-Klubobmann Walter Rosen­kranz ein "Organ des Freiheitlichen Akademiker­verbandes" bzw. "der -verbände" (so Rosenkranz am 6. Mai 2018  in der Diskussionssendung "Im Zentrum", ORF 2).

7) Sebastian Kurz (ÖVP) – der nunmehrige Bundeskanzler – hatte sich in seiner Zeit als Außenminister zugute gehalten, 2016 für die Schließung der sogenannten Balkanroute gesorgt und damit die damaligen Flüchtlinge bzw. Migranten an der Weiterreise nach Mitteleuropa gehindert zu haben. Siehe dazu auch meine Blog-Einträge Ein Loblied auf den Falschen, Überfordertes Österreich? sowie Orban, Kurz und Idomeni.