Freitag, 8. Juni 2018

Josef Votzi – ein Wendehals

Josef Votzi – Redakteur und Politik-Ressortchef beim "Kurier" – ist so ein richtiger Wendehals; natürlich bei Weitem nicht der einzige in seiner Zunft, aber ein besonders gelungenes Exemplar.

Beim Begriff "Wendehals" orientiere ich mich dabei an den Ausführungen in der Wikipedia, wo es diesbezüglich heißt:

"Als Wendehals, in Anlehnung an den Vogel Wendehals (…), wurden in der Zeit der Wende in der DDR 1989 Personen bezeichnet, die ihre Gesinnung vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden sozia­lis­ti­schen Systems stets der aktuellen politischen Lage anpassten. Bereits früher wurde dieser Begriff auf Opportunisten im Allgemeinen angewandt."

Ob es bei Votzi die jeweilige aktuelle politische Lage oder die jeweiligen Vorgaben der Chefredaktion (bzw. der Zeitungs­eigen­tümer) oder irgendwelche andere Motive sind, die ihn veranlassen, seine Gesinnung (oder das, was er als solche den Leser/innen präsentiert) wie das sprich­wörtliche Hemd zu wechseln, ist schwer zu beurteilen. Es ist für das Resultat aber auch nicht weiter von Bedeutung. Denn dieses Re­sul­tat ist – unab­hän­gig von den Motiven – ein Journalismus, der keinen Funken an Anstand, Glaubwürdigkeit und damit Vertrauenswürdigkeit besitzt.

In der Sache geht es (diesmal) um das Thema einer gerechten EU-weiten Aufteilung der Flüchtlinge, die im Wege entsprechender bindender Quoten für die einzelnen Mitgliedsländer angedacht war. Dieses (meines Erachtens sehr sinnvolle) Konzept scheiterte insbesondere am Widerstand diverser ost­europäischer Staaten, Flüchtlinge aufzunehmen.

Sehen wir uns an, wie Josef Votzi diese Situation beurteilt(e):

a) Am 28. Februar 2016 schrieb er dazu in einem Kurier-Leitartikel:

"Dass die Mehrheit der 28 EU-Staaten sich feige wegduckt und keinen einzigen Flüchtling auf- oder übernimmt, bleibt eine Schande."

(Bereits mit diesem – in sich widersprüchlichen und nicht schlüssigen – Leitartikel hatte ich mich in meinem Blog ausführlich beschäftigt, siehe hier.)

b) Fast auf den Tag genau ein Jahr später wiederholte Votzi die obige Einschätzung in einem Leitartikel vom 26. Februar 2017. Sogar den Wort­laut behielt er bei:

"Bei der Verteilung von Flüchtlingen […] ducken sich die meisten anderen EU-Nationen feige weg." 

(Diesen Leitartikel habe ich gleichfalls kritisch kommentiert, siehe hier.)

c) Und jetzt kommen wir in die Gegenwart: Wieder in einem Leitartikel Votzis, nämlich im Kurier vom 2. Juni 2018, klingt das plötzlich so:

"Hinter den Kulissen erkennen heute auch Gegner an: Sebastian Kurz hat in der Asylkrise 2015 [Anm.: damals als Außenminister] eine tragende Rolle als Eisbrecher für eine realistische Flüchtlingspolitik gespielt. Auf den EU-Bühnen wurden weiter unverdrossen Asyl-Quoten propagiert, obwohl das EU-Gros nichts davon wissen wollte. Hätten die Quoten-Prediger die Oberhand behalten, hätten heute in noch mehr EU-Staaten brandgefährliche Nationalisten das Sagen."
[Artikel im Internet hier abrufbar]

Konsequent ist Votzi nur in seiner ebenso penetranten wie lächerlichen Bewunderung für Sebastian Kurz' Flüchtlingspolitik. Diese Lobhudelei kennt man schon aus seinen früheren Leitartikeln und wurde von mir bereits eingehend kritisiert. Votzis Meinung über die Asylquoten (bzw. deren Be­für­worter) steht hingegen erstens de facto in diametralem Widerspruch zu seinen früheren (unter a und b zitierten) Aussagen; zweitens ist seine An­sicht auch in der Sache selbst unred­lich.

Zunächst zur Widersprüchlichkeit:

2016 und 2017 hat Votzi die Nichtaufnahme von Flüchtlingen durch diverse EU-Staaten als "feiges Wegducken" qualifiziert. Jetzt (im Juni 2018) ver­un­glimpft er auf einmal jene als "Quoten-Prediger", die sich damals (zu der Zeit, als er selbst die betreffenden Leitartikel schrieb, und sogar noch früher!) für eine gleichmäßige und gerechte Verteilung der Flüchtlinge aus­ge­sprochen hatten.

Wenn man ausschließt, dass Herr Votzi an Gedächtnisverlust leidet, kann ein solch eklatanter Wertungswiderspruch nur Ausdruck von journalistischer Gesin­nungs­losigkeit sein, die überdies auf die Vergesslichkeit bzw. den man­geln­den Archivierungseifer der Leser/innen baut und dadurch ganz beson­ders empörend ist.

Ich ahne ja, was der (unseriöse) Grund für Votzis 180°-Wende sein dürfte: Am 26. Februar 2017 schrieb er einen chauvinistischen "Österreich-zuerst"-Artikel – und da waren jene die Bösen, die keine Flüchtlinge (und folglich keine Quoten) wollten (weil sie durch ihren Widerstand im Ergebnis ver­hinderten, dass Österreich von Flüchtlingen entlastet wird). Am 2. Juni 2018 ging es (ihm) hingegen um etwas Anderes.

Damit kommen wir auch schon zur Unredlichkeit in Votzis Argumentation:

Dazu muss man sich zunächst klarmachen, welchen Zweck der Leitartikel vom 2. Juni 2018 verfolgt: Er trägt (in der Papierausgabe) den Titel "Ein Europa, das sich vor Selbstmord schützt" und soll propagandistisch Stim­mung für die EU machen (ganz anders als der Leitartikel vom 26. Februar 2017). In einem solchen Kontext sind Nationalisten Feindbild. Dement­spre­chend heißt es bei Votzi jetzt (am 2. Juni 2018) beispielsweise:

"In Italien wird ein Euro-Gegner zum Europaminister gemacht. […] Die Fraktion der glühenden Nationalisten erhält mit Italien einen Big Player, […]."

oder:

"Eine EU, die schützt, braucht auch nicht noch mehr Kleinstaaterei, das Beharren auf Vetorechten und eine Abkehr von der Reisefreiheit, wie sie FPÖ-Chef Strache propa­giert."

Man beachte das fiese Doppelspiel, das hier betrieben wird (natürlich bei Weitem nicht nur von Votzi):

• Die Rechten / Nationalisten werden immer dann – und nur dann! – als gefährlich eingestuft, wenn sie letztlich den ökonomischen Interessen, die die EU verkörpert, schaden könnten (an erster Stelle dabei immer das Thema Euro).

[Anmerkung: In analoger Weise dämonisiert werden natürlich im Bedarfsfall auch Linke, wie die Hetze der "Europa-Befürworter" gegen Griechenland im Jahre 2015 be­wie­sen hat; und ebenso alle anderen sogenann­ten "Popu­lis­ten" jedweder poli­ti­schen Ausrichtung (siehe die Reaktionen auf den Brexit in Großbritannien oder neulich auf den Wahlerfolg der europaskeptischen 5-Sterne-Bewegung in Italien).]

• Das Bild wandelt sich grundlegend, sobald es nicht um ökonomische, sondern um im weitesten Sinne humanitäre Fragen geht, insbesondere um solche der Asyl- und Ausländerpolitik. Da verhalten sich der sogenannte Mainstream und die "Liberalen" aller Schattierungen nämlich immer sehr kleinlaut gegenüber den Rechten bzw. den Nationalisten. Ja noch mehr: Da bleibt nicht nur Kritik aus, sondern man identifiziert sich oft sogar mit den ein­schlägigen Auffassungen – und zwar immer unverhohlener. (Bereits meine oben verlinkten Kommentare zu den früheren Votzi-Leitartikeln führen das näher aus.)

Auch im Leitartikel vom 2. Juni 2018 findet sich wieder ein Satz, der die enge geistige Verwandtschaft von Rechten/Nationalisten und "Krypto-Rechten" im Umgang mit (dem) Fremden belegt. Votzi schreibt:

"Der Kanzler [Kurz] gratulierte derweil auf Twitter der dänischen Regierung zum Burka-Verbot – nach Frankreich und Österreich setzt ein Land mehr ein symbolisch wichtiges Zeichen."

Na ist das nicht eine traute Harmonie? FPÖ (zB. "Josef & Maria statt Burka und Scharia" [so ein Posting des Rings Freiheitlicher Jugend Nieder­öster­reich]*) – der hochehrwürdige Sebastian Kurz – und der journalistische Ver­mittler Josef Votzi in bestem Gleichklang. Ein "symbolisch wichtiges Zei­chen" ist für ihn das Burka-Verbot.
*[siehe etwa die Abbildung auf vienna.at]

Die Affinität von Krypto-Rechts zu Original-Rechts wird aber oft noch um eine Stufe vertrackter: Man befürwortet und man tut (beim Ausländerthema) genau das, was die (Original-)Rechten wollen – mit der Begründung, dass es einen weiteren Zulauf zu den (Original-)Rechten zu verhin­dern gelte.

Konkretes Beispiel in Votzis Leitartikel vom 2. Juni 2018:

"Hätten die Quoten-Prediger [in der EU] die Oberhand behalten, hätten heute in noch mehr EU-Staaten brandgefährliche Nationalisten das Sagen."

Die dahintersteckende Denkweise lautet also: "Die Nationalisten (oder Original-Rechten) wollen (im Gleichklang mit dem überwiegenden Teil der einheimischen Bevölkerung) keine Ausländer im Land. Daher sind Asyl-Quoten schlecht; denn ihre Einführung könnte den Nationalisten noch mehr Popularität und Erfolg verschaffen. Und das gilt es zu verhindern. Nicht weil uns ihre Asyl- und Fremdenpolitik stört – ganz und gar nicht. Aber weil sie europakritisch oder -feindlich sind und dies für das herrschende ökonomi­sche System (das die EU verkörpert und das wir mit Zähnen und Klauen verteidigen) von Nachteil (alias: 'brandgefährlich') sein könnte."

Ich zitiere dazu, was ich in meinem oben verlinkten Blog-Artikel vom 2. März 2017 geschrieben hatte:

"[…] ein Appell [Votzis] an die Regierung(sparteien): 'Handelt weiterhin so, wie es die Rechten gern tun würden, damit nicht die Rechten an die Macht kommen und es dann selbst tun.'

Die Absurdität dieser Argumentation (die übrigens keineswegs nur bei Votzi anzutreffen ist) müsste man einmal gesondert abhan­deln."

Abgesehen davon, dass die Rechten in Österreich inzwischen ohnedies an der Macht sind, muss man das mit der Absurdität vielleicht etwas relati­vie­ren: Natürlich ist ein Appell, wie ich ihn in meinem Text pointiert formuliert habe, für sich genommen absurd, ja paradox. Keine Frage. Aber Herrn Votzis Leitartikel vom 2. Juni 2018 hat mir vor Augen geführt, dass dabei doch auch (ein schäbiges, aber logisches) Kalkül der Krypto-Rechten dahintersteckt:

Krypto-Rechts (bis Liberal) will einen Vormarsch von Original-Rechts aus europapolitischen (und damit letztlich ökonomischen) Interessen verhindern. Mittel zum Zweck ist dabei die Ausländerpolitik, bei der man sich gern zum Handlanger der Original-Rechten machen lässt. Und zwar "gern" in dop­pel­tem Sinne: erstens, weil man diese damit in Schach hält und so den Bestand der (eigenen) System-Interessen gegenüber den "EU-Feinden" schützt; und zweitens, weil man dabei das tun kann, was einem ohnedies zusagt (oder womit man jedenfalls kein Problem hat): gegen Flüchtlinge, Zuwanderung, Islam etc. zu agieren und zu agitieren.

Sonntag, 13. Mai 2018

Arik Brauer und die Rechten

Wo soll ich heute mit der Kritik ansetzen? In schon bewährter Manier bei der Kurier-Journalistin Dr. Martina Salomon oder beim Maler und Lieder­macher Arik Brauer? Letzterer hielt am 8. Mai (also wenige Tage nach Michael Köhlmeier) ebenfalls eine "offizielle" Gedenkrede (im Bundes­kanz­ler­amt). Und schon zuvor hatte er im "Kurier" zwei höchst problematische Interviews gegeben (am 3. April 2018 [Link] und am 5. Mai [Papierausgabe: 6. Mai] 2018 [Link]).

Problematisch sind sie einerseits aus inhaltlichen Gründen; aber vor allem auch durch die Lebensgeschichte Brauers: Er wurde 1929 in Wien geboren, stammt aus einer jüdischen Familie, sein Vater starb in einem Konzentra­tions­lager; er selbst überlebte – teilweise versteckt – in Wien.

Was immer jemand wie er – also ein unmittelbar Betroffener – zu den Themen Nationalsozialismus und Antisemitismus zu sagen hat (und wie immer er sich in solchen Belangen verhält), ist deshalb zunächst einmal als authentisch, beachtenswert und relevant anzusehen – es ist jedenfalls als seine subjektive Wahrheit und Richtigkeit unbedingt zu respektieren und ernst zu nehmen. Dass genau dadurch die Kritik daran erschwert wird, ist eben Teil der Problematik.

(Für alle anderen Themen, zu denen er sich äußert – etwa zur Frage der Zuwanderung im Allgemeinen oder des Islam im Allgemeinen – gilt das übrigens meiner Überzeugung nach eindeutig nicht: Brauer mag auch dazu wie jeder andere Mensch seine Meinung abgeben. Aber seine diesbe­züg­lichen Ansichten haben keinesfalls automatisch mehr Gewicht, Rele­vanz oder Autorität als jene irgendeines sonstigen Durchschnittsbetrachters der jeweiligen Materie.)

Ich beginne bei den (politischen bzw. journalistischen) Reaktionen auf Brauers Rede bzw. Interviews. Diese Reaktionen sind leider so ausgefallen, wie es zu erwarten war: Seine Äußerungen (und sein freundliches Verhalten gegenüber Strache im Bundeskanzleramt) sind Wasser auf die Mühlen der Rechten (aller möglichen Schattierungen, aber insbesondere natürlich der FPÖ), die all das nun als eine Art Persilschein hinsichtlich ihrer eigenen Gesinnung vereinnahmen können.

(Das erinnert fatal an Ereignisse in den späten 1980er-Jahren, mit Viktor Frankl einer­seits und der damaligen FPÖ unter Jörg Haider andererseits: Teilweise relativierende Äußerungen des Juden und ehemaligen KZ-Häftlings Frankl über Schuld und Verant­wortung in Zusammenhang mit dem Natio­nal­sozialismus wurden damals von Haider und seiner Partei mit Begeisterung aufgegriffen und zur eigenen Imagepflege ausgenutzt.)

Im aktuellen Fall sieht die Sache beispielsweise so aus:

Ich zitiere den berühmt-berüchtigten Journalisten Michael Jeannée, der am 10. Mai 2018 in seiner Kolumne ("Post von Jeannée") in der "Kronen-Zei­tung" unter anderem die folgenden pathetisch-schmalzig-lächerlichen, aber gera­de dadurch entlarvenden Peinlichkeiten in Zusammenhang mit Brauers Gedenkrede schrieb:

"Hörbares Luftholen derselben Kreise [Anm.: wie sich aus dem Satz davor ergibt, meint Jeannée den Standard-Journalisten "Hans Rauscher und Kon­sor­ten"] zu Deinem [= Brauers] anschließenden Shakehands mit Heinz-Chris­tian Strache (…). 

Balsam fürs Land!

[…]

Dein spontanes Händeschütteln mit dem Chef der Freiheitlichen und Vize­kanzler ist die Geste des Jahres wider den Hass, wider Gräben, wider Unversöhnlichkeit, wider Dummheit.

Du, Arik Brauer, bist begnadet. Als Maler und Liedermacher sowieso. Aber nun auch als Zeitzeuge.

Bist der Mann der Stunde, wie sie wichtiger noch niemals schlug.

Die Stunde der Versöhnung.

Deine Stunde, Arik, für die Jahve Dich gesunde 89 Jahre alt werden ließ.

Ich glaube, dass nach deiner Gedenkrede, Deinem Händereichen nichts mehr so ist wie vorher.

Es ist mir eine Ehre, Dich persönlich zu kennen.

Schalom!"
[Vollständiger Artikel abrufbar auf pressreader.com]  

Ein derart kitschig-schleimig-schwülstiger Schmus klingt wie eine Satire auf eine Zeitungskolumne – und doch ist es absurde und traurige (Medien-)Re­a­lität.

Jetzt könnte man sagen: "Kronen-Zeitung und Jeannée – wen wundert's?" Aber der rechte Herr von der rechten (und auflagenstärksten österrei­chi­schen) Zeitung hat in der Arik-Brauer-Bewunderung (und sicherlich nicht nur darin) eine Gleichgesinnte im Konkurrenzblatt:

Dr. Martina Salomon würdigte ebenfalls am 10. Mai 2018 in einem Leitartikel im "Kurier" Arik Brauers Aktivitäten der letzten Tage (Titel ihres Texts: "Ringen um Aufklärung und Antifaschismus"; im Internet hier nach­zu­lesen). Salomon schreibt (wohl in mehrfachem Wortsinn) nüchterner als ihr Kollege; und ganz wie es dem subtileren (man könnte auch sagen: raffinierteren) Ton des "Kurier" und dieser Journalistin entspricht, fällt die verbale Verbeugung vor Arik Brauer nicht so grotesk aus wie bei Jeannée, lässt aber an Deutlichkeit gleichfalls nichts zu wünschen übrig. Nachdem sie Brauer zwei Mal zitiert hat, beschließt Salomon ihren Artikel mit folgenden Worten:

"[…] Und man packt viel zu schnell die Faschismuskeule aus. Das ist nicht mutig, dafür gibt es immer Applaus. Es ist Zeit für Zwischentöne. Danke, Arik Brauer, dafür."

Also auch hier dieses anbiedernde Dankbarkeitsgetue, dessen Ekel­haftig­keit nur deshalb weniger auffällt, weil man erst gerade zuvor Jeannées entrückt-verrückte Suada gelesen hat.

Wofür Jeannée (journalistisch-menschlich) steht, ist hierzulande durchwegs bekannt (und wird immerhin doch von einigen – wenn auch viel zu wenigen – kritisiert). Dieser Herr (und sein Ruf) spricht für sich; eine weitere Be­schäf­ti­gung mit ihm erachte ich als überflüssig.

Wofür Salomon (journalistisch-menschlich) steht, ist hingegen nicht immer so auf den ersten Blick erkennbar. Das liegt daran, dass sie – wie erwähnt – ihre Botschaften subtiler unter das Volk bringt als Holzhammer-Publizisten à la Jeannée. Das heißt aber keineswegs, dass es inhaltlich-gesinnungs­mäßig keine Parallelen oder Gemeinsam­keiten zwischen diesen beiden jour­nalistischen Koryphäen gäbe. (Diesen Sachverhalt einmal näher zu unter­su­chen, wäre eine reizvolle Aufgabe für eine Publizistik-Dissertation.)

Was von Frau Dr. Salomon zu halten ist – oder präziser formuliert: was ich von ihr halte –, geht aus mittlerweile schon zahlreichen Einträgen hier in meinem Blog hervor und wird von mir auch immer peinlichst genau be­grün­det. Auf ein paar diesbezügliche Details werde ich weiter unten zurück­kom­men.

In ihrem Leitartikel vom 10. Mai übt Salomon – wenig überraschend – Kritik an jener Gedenkrede, die Michael Köhlmeier am Freitag davor gehalten hat (Wortlaut der Rede und Youtube-Link hier in meinem Blog). Auch das schreibt sie nüchtern und subtil, indem sie befindet:

"Die Mai-Gedenktage haben gezeigt, wie schwer eine differenzierte Be­trach­tung ist, selbst für einen so großartigen Schriftsteller wie Michael Köhlmeier, der die Regierung geistig in die Nähe des verbrecherischen NS‑Regimes rückte."

Leider kann ich Salomon nicht entgegenhalten, was als Antwort auf ihre Behauptung naheläge: nämlich dass sie damit lügt. Denn es gibt in Köhl­meiers Rede in der Tat eine einzige (eher nebenbei getroffene) Aussage, von der man allenfalls behaupten kann, er habe damit die (gegenwärtige österreichische) Regierung in die Nähe des NS-Regimes gerückt. Und zwar, indem er kritisch den Innenminister zitierte, der "wieder" (gemeint also offenkundig: wie seinerzeit die Nazis) davon gesprochen habe, dass Menschen "konzentriert gehalten werden sollen" (s. dazu näher Fußnote 4 in meinem vorigen, oben verlinkten Blog-Eintrag zur Rede).

Sonst war da absolut nichts in der Köhlmeier-Rede, was einen Konnex zwischen derzeitiger Regierung und NS-Regime hergestellt hätte. Diese Bezugnahme auf den Innenminister rettet Salomon vor dem Vorwurf der Lüge – auch wenn sie mit ihrer Behauptung höchstwahrscheinlich auf eine andere Stelle in der Rede abzielte; nämlich jene, in der Köhlmeier sagte:

"Es hat auch damals schon Menschen gegeben – auf der ganzen Welt –, die sich damit brüsteten, Flucht­routen geschlossen zu haben."

Diese Äußerung wurde – von manchen wohl irrtümlich aus Lese- bzw. Hörschwäche und von Anderen (bis hinauf zu Kanzler Kurz höchstpersönlich) wider besseren Wissens – als Vergleich mit dem NS-Regime qualifiziert. Von Letzterem ist allerdings in dem Zitat weder direkt noch indirekt die Rede: Es geht um jene "auf der ganzen Welt" (also in potenziellen Auf­nah­me­staaten für Verfolgte!), die sich mit der Schließung von Flucht­routen zur Zeit des Nationalsozialismus brüsteten. Und dieser Vergleich ist völlig be­rech­tigt, und den muss sich Kurz deshalb sehr wohl gefallen lassen.

Worauf Salomon nun konkret anspielt, wenn sie in ihrem Text behauptet, Köhlmeier hätte die Regierung in die geistige Nähe des NS-Regimes gerückt – auf sein Zitat der Äußerung des Innenministers oder auf die Flucht­routen-Sequenz? –, möge letztlich jede/r für sich selbst beurteilen.

Nach diesem Tadel für Köhlmeier wendet sich Salomon jedenfalls Arik Brauer zu und meint:

"Arik Brauer führte die feinere Klinge."

Das begründet sie mit einem Zitat Brauers aus dem Kurier-Interview vom 3. April. Brauer habe da nämlich laut Salomon "Wichtiges" (!) gesagt. Und zwar Folgendes:

"Für mich ist die muslimische Einwanderung schuld daran, dass die FPÖ zu einer Massenpartei werde konnte und in der Regierung sitzt. Die Rechten haben von Anfang an begriffen, dass die muslimische Migration ein Pferd ist, auf dem man vorwärts reiten kann. Sie haben aber nicht begriffen, wie man die Probleme wirklich löst, weil es ihnen ja nur um die Macht gegangen ist."

Das ist natürlich genau das, was Leute wie Salomon (und mit ihr sicher die Mehrheit in diesem Land) hören wollen: "Die Moslems sind schuld." – Von feiner(er) Klinge bemerke ich bei dieser Brauer-Aussage jedenfalls nichts.

Und ja: Vergleiche der heutigen Islamophobie mit dem Antisemitismus der Zwischen­kriegs- bzw. Nazizeit sind berechtigt, auch wenn das reflex­artig bei Vielen zu (geheuchelter) Empörung über vermeintlich unangemes­se­ne Gleich­setzungen führt:

Das "gesunde Volksempfinden" sucht sich immer diabolisch seine Sünden­böcke: Das waren "damals" die Juden, und es sind heute (primär) die Moslems. Deshalb schrieb auch Barbara Coudenhove-Kalergi vor etwa einem Monat in einem Kommentar in der Zeitung "der Standard" völlig zutreffend: "Antiislamismus ist der neue Antisemitismus." (Der Artikel ist hier veröffentlicht.)

Wer ein konkretes Beispiel mit einem klaren Nachweis der Parallelen haben möchte, der lese sich meinen Blogeintrag "Fasching und Flüchtlingskrise" durch (der Link folgt unten). Darin habe ich die erschreckenden Gemein­sam­keiten zwischen judenfeindlichen Faschingsumzügen der 1930er-Jahre und flüchtlings- bzw. insbesondere moslem-feindlichen Umzügen im Öster­reich (und im Deutschland) des Jahres 2016 ausführlich dargelegt.

Verfehlt und irreführend ist Arik Brauers Ursachenforschung betreffend die FPÖ-Erfolge, weil er an der falschen Stelle ansetzt: Nicht die "muslimische Ein­wanderung" ist "schuld" am Aufstieg der FPÖ, sondern es ist die Ein­stel­­lung weiter Teile der (einheimischen) Bevölkerung (gegenüber Fremden, Flücht­lingen, Moslems im Besonderen): Es sind die Xenophobie und der Rassismus der Men­schen – oder wie man das ja bei uns im Sinne des Orwell'schen Newspeak korrekt formulieren muss: es sind "die Ängste" der Menschen (vor der Zu­wan­derung etc.), die zum Erfolg rechter Politik und rechter Parteien führen.

Gerade in diesem Zusammenhang muss der Vergleich mit der Zwi­schen­kriegszeit ebenfalls erlaubt sein: Die Juden waren zwar bereits im Land (es ging also nicht um Zuwanderung, sondern um als "fremd" empfundene Einheimische). Aber war denn etwa die "Angst" vieler Deutscher vor (bzw. die Abneigung gegenüber) Juden – kurz gesagt: der Antisemitismus – nicht auch wesentliches Element für die Wahlerfolge der NSDAP (die bekanntlich auf demokratischem Wege an die Macht gekommen ist)?

Wenn man beispielsweise sagen würde, das (damalige) "Judentum in Deutschland" (oder das "Wirken der Juden in Deutschland" oder "der Einfluss der Juden") sei "schuld daran" gewesen, dass es zum Aufstieg des Nationalsozialismus gekommen sei, würde eine solche Behauptung umge­hend als antisemitisch verurteilt werden – und zwar völlig zu Recht. An Arik Brauers (und natürlich nicht nur an seine) Bewertung der "muslimischen Einwanderung" ist dann aber ein analoger Maßstab anzuwenden: Ist jene Personengruppe "schuld", die durch ihre bloße Präsenz (Juden) bzw. ihr bloßes Erscheinen (Moslems/Flüchtlinge) den "Unmut" und das "Unbehagen" (bzw. die vorgeblichen "Ängste"), ja die Aggressionen und den Hass der Mehrheits­bevölke­rung auslöst? Oder sind es nicht vielmehr eben diese irrationalen Emotionen einer Masse?

Anders gesagt:
Niemand war (oder ist) gezwungen, zum Antisemiten zu werden (und niemand war im Deutschland zu Beginn der 1930er-Jahre gezwungen, braun zu wählen), bloß weil Juden in "seinem" Land leb(t)en. Und niemand ist gezwungen, xenophob und/oder islamophob zu werden (und in weiterer Folge blau, schwarz-türkis oder sonstwie rechts zu wählen), bloß weil Moslems in sein Land kommen. – So einfach ist die Sache!

Zurück zu Salomons Leitartikel. Das zuvor erwähnte Brauer-Zitat ist wieder einmal Anlass für besorgte Worte Salomons zum Thema Zuwanderung ("Anteil an Bürgern mit Migrationshintergrund (ist) [in Wien] mittlerweile extrem hoch" usw.). Ja, ja. Aber eigentlich sollte es in dem Leitartikel um etwas ganz Anderes gehen (um die Gedenkreden zum Kriegsende, die "Schatten der NS-Vergangenheit" [wie sogar der Zwischentitel des Leit­artikels lautet] usw.). Wieso "verirrt" sich in einen solchen Artikel dann zum Beispiel der sehnsuchtsvolle Wunsch seiner Verfasserin, wonach "zu hoffen" sei, "dass der künftige Wiener Bürgermeister einen neuen Kurs [in der Zuwanderungs­frage] fährt" ? Nun, das ist wieder die bekannte, perfide jour­na­lis­ti­sche Masche (wie man sie natürlich auch aus der Politik kennt): Platziere hartnäckig deine Botschaften, egal ob sie zum eigentlichen Thema passen (bzw. lenke das eigentliche Thema in die Richtung, die dir für das Platzieren deiner Botschaften nützlich ist).* Hier hat ihr Brauer natür­lich ohne­dies mit seiner "wichtigen" Äußerung zur muslimischen Ein­wan­derung das willkommene Stichwort geliefert. (Und dafür gibt es ja dann im Ge­gen­zug auch den Dank der Verfasserin.) 
*) (Von Salomon haben wir das erst neulich bei ihrem Leitartikel zum 1. Mai besonders unverfroren erlebt. Ich habe das in diesem Blog-Eintrag näher dargelegt und kritisiert: Zum 1. Mai.)

Gegen Ende des Leitartikels behauptet Salomon (wie schon oben zitiert):

"Und man packt viel zu schnell die Faschismuskeule aus. Das ist nicht mutig, dafür gibt es immer Applaus."

Da ist es mir doch ein Anliegen, darauf hinzuweisen, dass es gerade jemandem wie Frau Dr. Salomon nicht gut ansteht, sich über angebliche Faschismuskeulen zu beklagen.

Als Faschistin würde ich sie zwar nicht bezeichnen (schon deshalb, um mir keine rechtlichen Scherereien einzuhandeln). Sie ignoriert aber naiverweise (?) Parallelen zwischen dem "echten" Faschismus (von damals) und faschis­toiden Tendenzen von heute. Besonders deutlich wurde das in Zusam­men­hang mit dem schon oben erwähnten Thema der Faschingsumzüge. Der seinerzeit von mir verfasste Blog-Artikel war (insbesondere) auch eine Abrechnung mit Salomons diesbezüglicher Blauäugigkeit, Ahnungslosigkeit, Gleichgültigkeit, Ignoranz (oder was auch immer es gewesen sein mag). (siehe den Eintrag Fasching und Flüchtlingskrise)

Und an das Ende stellte ich damals eine Äußerung Salomons, die in ganz ähnlicher Form in einem berüchtigten Propagandafilm der Nazis gefallen war. Nein, nein. Dass sie Faschistin wäre, lässt sich damit nicht belegen. Aber Köhlmeiers zutreffende Worte aus seiner Rede fallen mir auch in diesem Zusammenhang ein:

"Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem Schritt. Nie. Sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung."

(Vielleicht sind das – leider – die besten und "schönsten" Worte seiner Rede.)

Abschließend nochmals zurück zu Arik Brauer. In dem erwähnten Kurier-Interview vom 6. Mai 2018 meinte er beispielsweise:

"Was die FPÖ betrifft: Es gibt sie. Sie hat einen Teil der Bevölkerung hinter sich, die keine Massen-Nazis sind. Deswegen werden wir mit ihr leben müssen. Ob uns das gefällt oder nicht, ist unerheblich. Dass die FPÖ-Minister nicht nach Mauthausen [Anm.: zur Gedenkfeier aus Anlass der Befreiung des Konzentrationslagers] eingeladen sind, ist ein großer Fehler."

Das alles kann man so sehen – oder auch ganz anders. Gleiches gilt für diverse andere problematische Stellen in beiden Interviews.

Dass Brauer nun für die Vereinigte Rechte des Landes eine Art Held geworden ist – nicht nur, aber schon allein dieser Umstand spricht jedenfalls stark für eine andere Sichtweise als seine. Nämlich eine weitaus weniger mild-pragmatisch-nonchalante und statt dessen eine weitaus kritischere Sichtweise – sowohl gegenüber politischen Parteien als auch gegenüber der hiesigen soge­nann­ten Mehr­heits­­gesell­schaft (einschließlich ihrer Ge­schich­te der letzten 80, 90 Jahre).

Wenn etwa Jeannée über Arik Brauers Händedruck mit Strache befindet, dies sei die "Geste des Jahres wider den Hass, wider Gräben, wider Un­ver­söhnlichkeit, wider Dummheit", dann ist klar, wie der Krone-Autor im Umkehr­schluss insbesondere über jene Juden denkt, die sehr wohl auf der Kon­takt­sperre zur FPÖ beharren. Dass Jeannée dies jetzt auch ganz unver­blümt in die Zeitung schreiben konnte (und damit einen unter­schwel­li­gen Anti­semi­tismus gegen – aus seiner Sicht – unversöhnliche, hassende und dumme Juden forciert), ist das fragwürdige Verdienst Arik Brauers.

Dienstag, 8. Mai 2018

Die Rede Michael Köhlmeiers

Am vergangenen Freitag (4. Mai 2018) hielt der Schriftsteller Michael Köhlmeier im Zeremoniensaal der Wiener Hofburg eine Rede. Anlass war eine von den Präsidenten der zwei Kammern des österreichischen Par­la­ments organisierte Veranstaltung zum jährlich (am 5. Mai) stattfindenden "Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus" (Näheres zum Gedenktag steht zum Beispiel auf der Webseite erinnern.at). 

Als Zuhörer anwesend war unter Anderem ein Großteil der ÖVP-FPÖ-Bundes­regie­rung. (Bundeskanzler Kurz war wegen Erkrankung nicht dabei.)

Ich finde, dass bei dieser Rede – die viel Aufsehen erregte – einfach alles passt: An vorderster Stelle natürlich ihr Inhalt; darüber hinaus war sie aber auch goldrichtig in Hinblick auf die Veranstaltung, deren Rahmen und das Publikum.

Die Rede wurde auch im Fernsehen übertragen und ist im Moment noch in der sogenannten TV-Thek des ORF abrufbar. Weil Sendungen dort aber nur über (sehr) begrenzte Zeit zur Verfügung gestellt werden, verlinke ich zu Youtube, wo jemand diesen Fernsehmitschnitt dankenswerterweise hoch­ge­laden hat: https://www.youtube.com/watch?v=mtyN7SrIiE0

Ich habe die folgende Mitschrift von Köhlmeiers Rede angefertigt (ergänzt um ein paar Fußnoten – insbesondere deshalb, um einige tagesaktuelle Bezugnahmen Köhlmeiers auch noch in Zukunft verständlich zu halten):

"Sehr geehrte Damen und Herren!

Präsident Sobotka hat mir Mut gemacht, als er gesagt hat, man muss die Dinge beim Namen nennen. Und bitte erwarten Sie nicht von mir, dass ich mich dumm stelle. Nicht an so einem Tag und nicht bei so einer Zusammen­kunft.

Ich möchte nur Eines: Den Ermordeten des NS-Regimes, von deren Leben die jungen Damen und Herren vorhin so unglaublich ein­dring­lich berichtet haben, in die Augen sehen können. Und sei es auch nur mit Hilfe Ihrer und mit Hilfe meiner Einbildungskraft.

Und diese Menschen höre ich fragen: Was wirst Du zu jenen sagen, die hier sitzen und einer Partei angehören, von deren Mitgliedern immer wieder einige nahezu im Wochen­rhythmus naziverharmlosende oder antisemitische oder rassistische Meldungen abge­ben; entweder gleich in der krassen Öffentlichkeit oder klammversteckt in den Foren und sozialen Medien. Was wirst du zu denen sagen?

Willst du so tun, als wüsstest du das alles nicht? Als wüsstest du nicht, was gemeint ist, wenn sie ihre Codes austauschen. Einmal von 'gewissen Kreisen an der Ostküste' sprechen.1) Dann mit der Zahl 88 spielen.2) Oder wie eben erst den Namen 'George Soros' als Klick verwenden zu Verschwörungstheorien in der unseligen Tradition der Protokolle der Weisen von Zion. Der Begriff 'stichhaltige Gerüchte' wird seinen Platz finden im Wörterbuch der Niedertracht und der Verleumdung.3)

Gehörst du auch zu denen, höre ich fragen, die sich abstumpfen haben lassen? Die durch das gespenstische Immer-Wieder dieser Einzelfälle nicht mehr alarmiert sind, sondern im Gegenteil das häufige Auftreten solcher Fälle als Symptom der Landläufig­keit abtun; des Normalen, 'Des kenn ma eh schon', des einschläfernden 'Ist nix Neues'.

Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem Schritt. Nie. Sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung. Erst wird gesagt, dann wird getan.

Willst du es dir – so höre ich fragen – des lieben Friedens willen widerspruchslos gefallen lassen, wenn ein Innenminister wieder davon spricht, dass Menschen 'konzentriert gehalten werden sollen'? 4)

Willst du feige die Zähne zusammenbeißen, wo gar keine Veran­las­sung zur Feigheit besteht? Wer kann dir in deinem Land, in deiner Zeit schon etwas tun, wenn du die Wahrheit sagst?

Wenn diese Partei, die ein Teil unserer Regierung ist, heute dazu aufruft, dass Juden in unserem Land vor dem Antisemitismus mancher Muslime, die zu uns kommen, geschützt werden müssen, so wäre das recht. Und richtig. Allein – ich glaube den Aufrufen nicht.

Anti-Islamismus soll mit Philo-Semitismus begründet werden. Das ist genauso verlogen wie ehedem die neonkreuzfuchtelnde Liebe zum Christentum.5)

Sündenböcke braucht das Land.

Braucht unser Land wirklich Sündenböcke?

Wer traut uns solche moralische Verkommenheit zu?

Kann man in einer nahestehenden Gazette schreiben, die befreiten Häftlinge aus Mauthausen seien eine 'Landplage' gewesen, und sich zugleich zu Verteidigern und Beschützern der Juden aufschwingen? 6)

Man kann. Ja, man kann.

Mich bestürzt das Eine – das Andere glaube ich nicht. Und wer das glaubt, ist entweder ein Idiot. Oder er tut so, als ob; dann ist er ein Zyniker. Und beides möchte ich nicht sein.

Meine Damen und Herren, Sie haben diese Geschichten gehört, die von den jungen Menschen gesammelt wurden. Und sicher haben Sie sich gedacht: 'Hätten diese armen Menschen damals doch nur fliehen können.' Aber Sie wissen doch: Es hat auch damals schon Menschen gegeben – auf der ganzen Welt –, die sich damit brüsteten, Flucht­routen geschlossen zu haben.7)

Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich heute vor Ihnen sagen soll. Und mir wäre lieber gewesen, man hätte mich nicht gefragt, ob ich sprechen will. Aber man hat mich gefragt, und ich empfinde es als meine staatsbürgerliche Pflicht, es zu tun.

Es wäre so leicht, all die Standards von 'Nie wieder' und bis 'Nie vergessen' – diese zu Phrasen geronnenen Betroffenheiten – anein­anderzureihen, wie es für Schulaufsätze vielleicht empfohlen wird, um eine gute Note zu bekommen.

Aber dazu müsste man so tun, als ob. Und das kann ich nicht, und das will ich nicht.

Schon gar nicht an diesem Tag, schon gar nicht bei dieser Zusam­men­kunft. Ich möchte den Opfern, die mit Hilfe der Recherchen und der Erzählungen dieser jungen Menschen und mit Ihrer und mit meiner Einbildungskraft zu mir und zu Ihnen sprechen und mir zuhören – ihnen möchte ich in die Augen sehen können. Und mir selbst auch.

Und mehr habe ich nicht zu sagen. Danke."
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1) Der in New York ansässige Jüdische Weltkongress spielte 1986 bei der Aufdeckung und Verurteilung der Kriegsvergangenheit des damaligen Bun­des­präsidentschafts­kandidaten Kurt Waldheim eine entscheidende Rolle. In Österreich kam damals die Formulierung von "gewissen Kreisen an der Ostküste" auf, welche Waldheim – und in weiterer Folge Österreich – diffamieren würden.

2) Die Zahl 88 steht in der rechten Szene als Kürzel für "Heil Hitler" (auf­grund des "H" als 8. Buchstaben des Alphabets).

3) George Soros ist ein in Ungarn geborener, aus einer jüdischen Familie stammender US-amerikanischer Investor. Einer der beiden Klubobmänner der FPÖ, Johann Gudenus, hatte vor wenigen Tagen in einem Zei­tungs­interview gemeint, es gebe "stichhaltige Gerüchte", wonach Soros daran betei­ligt sei, "Migrantenströme nach Europa zu unterstützen". Zu den Pro­to­kollen der Weisen von Zion siehe etwa den Eintrag in der Wikipedia.

4) Der FPÖ-Innenminister Herbert Kickl hatte im Jänner 2018 in einer Pressekonferenz erklärt, dass er sich dafür ausspreche, Asylwerber künftig in Grundversorgungszentren unterzubringen. Dort gelinge es, "diejenigen, die in ein Asylverfahren eintreten, auch entsprechend konzentriert an einem Ort zu halten" (s. etwa den Mitschnitt auf Youtube). Manche deute­ten diese Formulierung als eine Anspielung auf Konzentrationslager.

5) Ich vermute, mit "neonkreuzfuchtelnde Liebe zum Christentum" spielt Köhlmeier auf eine Aktion des FPÖ-Parteiobmanns und nunmehrigen Vize­kanzlers Heinz-Christian Strache im EU-Parlamentswahlkampf 2009 an: Strache trat mit einem Kreuz in der Hand auf, um damit der damaligen FPÖ-Wahlkampfparole "Abendland in Christenhand" Nachdruck zu verleihen.

6) In der Zeitschrift "Die Aula" hieß es in der Ausgabe vom Juli/August 2015 in einem Artikel mit dem Titel "Mauthausen-Befreite als Massenmörder" unter Anderem: "Die Tatsache, dass ein nicht unerheblicher Teil der befrei­ten Häftlinge aus Mauthausen den Menschen zur Landplage gereichte, gilt für die Justiz erwiesen und wird heute nur noch von KZ-Fetischisten be­strit­ten."
Die in Rede stehende Zeitschrift ist laut FPÖ-Klubobmann Walter Rosen­kranz ein "Organ des Freiheitlichen Akademiker­verbandes" bzw. "der -verbände" (so Rosenkranz am 6. Mai 2018  in der Diskussionssendung "Im Zentrum", ORF 2).

7) Sebastian Kurz (ÖVP) – der nunmehrige Bundeskanzler – hatte sich in seiner Zeit als Außenminister zugute gehalten, 2016 für die Schließung der sogenannten Balkanroute gesorgt und damit die damaligen Flüchtlinge bzw. Migranten an der Weiterreise nach Mitteleuropa gehindert zu haben. Siehe dazu auch meine Blog-Einträge Ein Loblied auf den Falschen, Überfordertes Österreich? sowie Orban, Kurz und Idomeni.

Samstag, 5. Mai 2018

In der Pubertät stecken geblieben

Heute geht es um Guido Tartarotti und Michael Niavarani.

Beide sind leider nur allzu präsent: Ersterer als regelmäßiger Gute-Laune-Schreiber im "Kurier" – sei es auf Seite 1, sei es auf der vorletzten Seite mit einer (vorgeblichen) Fernsehkritik. (An schlimmen Tagen liest man von ihm sogar an beiden Stellen.) Und der Andere ist ein Kabarettist mit penetranter Anwesenheit in den Medien. Derzeit wird etwa das Fernsehprogramm von ORF III mit seinen diversen Auftritten zugepflastert (also jener Sender, der sich – teilweise durchaus zu Recht – "Kultur und Information" auf die Fahnen geheftet hat).

Zufällig (und wahrlich unbeabsichtigt) bin ich auf besagtem ORF III vor wenigen Tagen in eine Aufzeichnung eines solchen Niavarani-Kaba­rett­programms geraten. Ich wäre ja prinzipiell bereit, mir einmal eine solche Sendung komplett anzuschauen, aber ich schaffe es nicht: Nach längstens 5 Minuten bin ich so angewidert vom Brachial-, Vulgär- und Fäkal-"Humor" dieses (wie auch diverser anderer) Kabarettisten samt seinem sich darüber zwar königlich, aber gerade deshalb so unendlich anspruchslos-debil ver­gnü­genden Saalpublikums, dass ich abschalten muss. Wobei "angewidert" vielleicht nicht ganz der passende Ausdruck ist: Angewidert bin ich zwar zweifellos auch, aber das wäre nicht unbedingt ein Hindernis, eine solche Sendung in voller Länge durchzustehen. Es ist mehr ein Gefühl der Art: "Das habe ich nicht notwendig – mir etwas derart Niveauloses zuzumuten bzw. zumuten zu lassen." Deshalb reichen bei einschlägigen Kabarettprogrammen die erwähnten maximalen 5 Minuten. Ich bin nicht daran interessiert, eine Stunde oder mehr an Primitivität und Banalität in Kauf nehmen zu müssen, um allenfalls in den Genuss von ein oder zwei tatsächlich witzigen oder geistvollen Bemerkungen zu kommen.

Im Kurier vom 2. Mai äußert sich nun Tartarotti ganz beglückt über Nia­va­rani. Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Ich wäre jede Wette ein­ge­gangen, dass er ihn schätzt. Denn die beiden sind ja wahrlich Geis­tes­verwandte in Sachen Humor. Wobei im gegebenen Zusammenhang die Aus­drücke "Geist" und "Humor" komplett deplatziert sind – aber der Einfachheit halber formuliere ich es halt so. (Was diesbezüglich von Tartarotti zu halten ist, habe ich bereits vor längerer Zeit unter dem Titel Toiletten-Jour­nalismus ausführlich beschrieben. Es hat nichts von seiner Gültigkeit verloren.)

Die Überschrift in Tartarottis Fernsehkolumne lautete am 2. Mai: "Lustig und gescheit".

Und das meint er sogar ernst, wie sich nach Lektüre des Texts herausstellt. Schon im ersten Absatz ist Tartarotti ganz begeistert:

"Die derzeitigen Niavarani-Festspiele zum 50. Geburtstag haben wirklich erfreuliche Auswirkungen: Sie spielen jede Menge hervorragende Dinge ins oft so öde TV-Pro­gramm."

Dazu verweist Tartarotti auf die Ausstrahlung eines Niavarani-Kabaretts aus 2009 und auf "viele spannende und lustige Interviews".

Nun habe ich all diese wunderbaren Dinge aus zuvor erwähntem Grund nicht gesehen. Das gebe ich zu. Aber was da so an Spannendem und Lustigem präsentiert wurde, dafür liefert Tartarotti in seiner Kolumne zwei konkrete Beispiele – und die genügen mir (so wie der 5-Minuten-Konsum der ein­schlä­gigen Programme).

Das erste von Tartarotti zitierte Beispiel soll offenbar für das Spannende bzw. Gescheite stehen, ist reichlich uninteressant, sei aber zur Illustration dennoch erwähnt. Demnach soll Niavarani gesagt haben (Auslassungs­punkte in Klammer stehen im Tartarotti-Original­text):

"Ich bin aus der Schule gegangen, weil ich nie wissen wollte, wie etwas passiert, sondern warum es passiert. (…) Die Atome des Universums haben sich zu einem Hirn zusammen gefügt, um über sich selbst nach­zu­denken. Das Universum denkt in unseren Hirnen über sich selber nach. Das ist meine Religion."

Tartarotti meint tatsächlich, dass Niavarani damit etwas "über seine Le­bens­philosophie" (!) zum Ausdruck gebracht habe. Nun ja. Die geistigen Dimensionen müssen schon ziemlich bescheiden sein, wenn man derartigen Unsinn für eine "Lebensphilosophie" hält. Ich habe ja sowieso den Eindruck, Niavarani hat sich damit in irgendeinem Interview mit seinem Gegenüber bewusst einen Scherz erlaubt (auf den Tartarotti prompt hereingefallen sein dürfte, indem er diese Aussagen zu einer "Lebensphilosophie" adelt).

Niavarani und Tartarotti mögen weiterhin das Universum in ihren Hirnen nachdenken lassen; ich bevorzuge es, mit meinem Hirn selbst nachzudenken und mir deshalb jetzt auch eine Meinung darüber zu bilden, was N & T lustig finden. Das "Gescheite" und das "Spannende" haben wir ja in Form der das Hirn bildenden Atome des Universums soeben kennengelernt.

Tartarotti würdigt also mit einem zweiten Zitat Niavaranis dessen "Freude am derben Humor". Der große Denker wird von Tartarotti folgendermaßen wiedergegeben (Auslassungspunkte wieder aus dem Kurier-Originaltext):

"Zum Wienersein gehört einfach dazu, auch einmal Oasch zu sagen. (…) Ich bekam einmal einen Brief einer Hofratswitwe: Warum müssen Sie immer so ordinär sein? Ich habe geantwortet: Liebe, gnädige Frau, bitte scheißen Sie sich nicht an …"

Man hört sie geradezu lachen, all die Tartarotti-Klone im Publikum, wenn Niavarani ein solches G'schichterl in einem seiner Programme auftischt. (Ja, ich meine genau die Leute von vorhin, die "sich zwar königlich, aber gerade deshalb so unendlich anspruchslos-debil vergnügen".)

Was das Wienersein betrifft: Mag sein, dass es ihm eigen ist, "auch einmal Oasch zu sagen". Ich habe gegen die Verwendung des Ausdrucks im Prinzip auch gar nichts einzuwenden und finde sogar, dass er vielen Menschen als Bezeichnung ausdrücklich gebührt.

Das alles heißt aber noch lange nicht, dass ein solches Vokabular (noch dazu gleich­sam als Selbstzweck) in Kabarettprogramme bzw. in weiterer Folge in Zeitungs­kolumnen Eingang finden muss. Dazu besteht weder in faktischer Hinsicht eine Not­wendigkeit. (Wozu muss ich von Bühne und Medien mit dem konfrontiert werden, was ich – jedenfalls in Wien – ohne­dies auch jederzeit authentisch auf der Straße hören kann?) Und schon gar nicht entspricht es – sei es auch noch so niedrig angesetzten – Qualitäts­standards für Unterhaltungsprogramme oder Zeitungsartikel. (Aber da bin ich zugegebenermaßen selber schuld, wenn ich hierzulande noch von Qualitätsstandards zu träumen wage.)

Wesentlicher ist allerdings ohnehin die angeschlossene Anekdote über die angebliche Korrespondenz mit der Hofratswitwe. Zunächst bezweifle ich, dass sich diese Geschichte überhaupt abgespielt hat: Der in ihr enthaltene "Witz" ist nicht neu (auch wenn Tartarotti ihn in seiner Naivität anscheinend für eine Niavarani-Schöpfung hält). Er ist in diversen Varianten immer wieder erzählt (bzw. gespielt) worden. Originell war Niavarani damit also jedenfalls nicht. Und dass die Briefschreiberin eine Hofratswitwe gewesen sein soll (oh Gott, was für ein banales Klischee), das hat sie Niavarani mitgeteilt? Wie darf man sich das vorstellen? Hat die geschrieben: "Sehr geehrter Herr Niavarani, ich bin Hofratswitwe. Bitte sind Sie nicht immer so ordinär!" (?)

Kurzum: Ich gehe davon aus, dass Niavarani hier "fake news" erzählte (um mich modern auszudrücken). Oder anders gesagt: Er verarschte mit der Geschichte sein Publikum (um das von N & T bevorzugte Idiom zu verwen­den).

Aber halten wir das Erzählte dennoch für wahr – um es nämlich auf seinen Gehalt an Humor prüfen zu können. Für mich ist da keiner (kein Gehalt, kein Humor):

Einen (unbekannten) Menschen (wie diese angebliche Hofratswitwe), welcher offenbar höflich und dezent sein Missfallen über die (ordinäre) Aus­drucks­weise brieflich mitteilt, gezielt dadurch vor den Kopf zu stoßen, dass man ihm sogar persönlich eine solche Ausdrucksweise entgegenschleudert – grund­los, mutwillig und zum alleinigen Zweck, diesen Menschen zu belei­digen (zu brüskieren, zu schockieren, …) und genau damit sich selbst (und sein einfältiges Publikum) zu amüsieren:

Das ist für mich kein "derber Humor" und auch sonst in keiner Weise lustig. Es ist als "Witz" einfach primitiv, vulgär, banal, und es ist in der Sache schäbig. Es entspricht bestenfalls den Späßchen pubertierender Jugend­li­cher.

Niavarani und Tartarotti sind übrigens heuer beide 50.

Mittwoch, 2. Mai 2018

Zum 1. Mai

Frau Dr. Salomon von der Tageszeitung "Kurier" führt uns – wieder einmal – deutlichst vor Augen, wozu Journalismus fähig ist; und zwar fähig im denkbar negativen Sinne:

In der Ausgabe vom 30. April 2018 gelang ihr mit ihrem Leitartikel, den sie aus Anlass des 1. Mai ihrer Leserschaft zumutete, eine manipulative und propagandistische Meisterleistung: Sie schaffte es glatt, sogar diesen Anlass – der unzweifelhaft und seit jeher die Interessen der Arbeitnehmer zum Gegenstand hat – skrupellos zu missbrauchen, um ihr übliches neoli­berales Gewäsch zu präsentieren, die Unternehmen als bemitleidenswerte Opfer darzustellen und die Probleme der Arbeitnehmer gar nicht vorkommen zu lassen bzw. diesen Personen sogar ein Mehr an Ausbeutung zuzumuten.

Salomons Text trägt die Überschrift "Zum 1. Mai: Hört die Signale!" (im Internet ist er hier nachzulesen: https://kurier.at/meinung/zum-1-mai-hoert-die-signale/400028578).

Ich werde mich nicht mit jedem Detail dieses polemischen Machwerks auseinandersetzen, sondern nur stichwortartig einige Stellen herausgreifen, die meine eingangs erwähnte Diagnose besonders deutlich belegen: 

Einer der unverschämtesten Sätze in dem Leitartikel lautet:

"Globale Internetriesen […] sollten 'gerechte' Steuern zahlen (ein schwieri­ges EU-Projekt) – derzeit quetscht man mittlere und kleine Unternehmen so erbarmungslos aus, dass hier ein neues Prekariat entstanden ist, für das niemand Fahnen schwingt."

Indem Salomon das Wort "gerechte" unter Anführungszeichen setzt, will sie offenbar relativieren oder überhaupt in Abrede stellen, dass es so etwas wie angemessene Steuern geben kann – aber das nur nebenbei. Empörend ist ihre Behauptung, "man" (offensichtlich meint sie die öffentliche Hand) quetsche mittlere und kleine Unternehmen erbarmungslos aus. Sie soll mal einen Blick auf die Ertragslage (nach Steuern!) vieler solcher Betriebe werfen, und sie soll sich vor allem auch die persönlichen Lebensverhältnisse einschlägiger Unternehmer/innen ansehen. Das von ihr so bezeichnete "neue Prekariat" führt im materiell ungünstigsten Fall eine mittel­ständisch-gutbürgerliche Existenz.

Und Salomon komme mir jetzt nicht mit den gern ins Treffen geführten Einmann-Betrieben. Sie bezieht sich mit ihrem Geschwätz ausdrücklich und pauschal auf "mittlere und kleine Unter­nehmen".

So sieht das in einem praktischen Fall aus:

Ein in Wien ansässiger Handelsbetrieb mit etwa 100 Beschäftigten; Fami­lien­unternehmen in dritter Generation. (Wobei diese dritte Generation in Ermangelung anderer beruflicher Interessen halt einfach in die Firma ein­ge­stiegen ist. Mit vergleichbar niedriger Motivation würden sie dort wohl nicht einmal eine Putzfrau anstellen.) Die Familie residiert seit Jahrzehnten in einer geräumigen Villa samt parkartigem Garten am Wiener Stadtrand. Eben ganz das "neue Pre­ka­riat" im Salomon'schen Sinne.

"Das sind halt die Leistungsträger", höre ich Salomon und Konsorten schon labern. Von wegen. Die Leistung lassen deren vermeintliche Träger von ihren Beschäftigten erbringen. Das sieht dann in besagtem Unternehmen zum Beispiel so aus, dass für einen bestimmten Mitarbeiterkreis einmal pro Monat eine Besprechung angesetzt ist – außerhalb der Dienstzeit (zwischen 18 und 22 Uhr) und unbezahlt (!). Oder es wird eine Fehlstunden-Statistik geführt, in der etwa Urlaube, Zeitausgleich und bei den Lehrlingen die Schulstunden großzügig mit eingerechnet werden.

Aber wir erinnern uns an Salomon: Es sind ja die Unternehmen, die "erbar­mungslos ausgequetscht" werden.

Und die Arbeitnehmer sollen gefälligst nicht nur den Mund halten, sie sollen sogar noch mehr arbeiten. Denn (so findet Salomon):

"Die gute Seite unseres Zeitalters: Körperlich anstrengende Jobs mit hoher Unfallgefahr gibt es immer weniger (was für einen späteren Pensionsantritt spricht)."

Der gierige Wunsch nach einem höheren Pensionsalter kommt in Salomons Texten ja bekanntlich regelmäßig vor. Was die Dame neuerlich ignoriert (obwohl ich sie schon in einem früheren Blog-Artikel darauf hingewiesen habe): Es gibt nicht nur ein körperlich, sondern auch ein psychisch an­stren­gendes Arbeitsleben; und die damit einhergehenden einschlägigen Proble­me, Beschwerden und Erkrankungen nehmen zu. 

Aber so etwas ist für Salomon natürlich kein Thema. Ebenso wenig wie beispielsweise die (statistisch nachgewiesene) hohe Zahl an geleisteten und unbezahlten Überstunden in Österreichs Betrieben, die Zunahme der bei immer mehr Arbeitnehmern (ausdrücklich oder stillschweigend) vorausge­setzten Rundum-Erreichbarkeit, die wachsende Ungleichheit bei den Ein­kom­mens- und Vermögensverhältnissen etc. etc. Kein Wort von all dem ist zu lesen – nicht einmal in einem Leitartikel zum 1. Mai.

Aber dafür folgende propagandistische Behauptung:

"[…] zur Würde des Menschen gehört nicht nur Mindestsicherung, sondern auch Arbeit."

Welche "Würde" die Arbeit – nämlich die unselbständige Lohnarbeit – ihren Erbringer/innen verschafft, habe ich soeben an ein paar Details illustriert. (Und zahlreiche weitere – teilweise noch weitaus schlimmere – Fakten ließen sich nennen.)

Salomon beschließt ihren Leitartikel mit folgender Botschaft:

"Hören wir doch auf, in Feiertagsreden so zu tun, als befänden wir uns noch im Zeitalter der Dampfmaschine. Es ist eigentlich gar nicht so schwer: 'Hört die Signale'!"

Stimmt schon: Im Zeitalter der Dampfmaschine befinden wir uns nicht mehr. Aber statt dessen in jenem, in dem der Neoliberalismus und eine ihm hörige, skrupel- und gesinnungslose Boulevard-Presse ihr schrankenloses Unwesen treiben. Die dabei ausgesendeten einschlägigen Signale sind unüberhörbar – auch wenn viele Menschen sie leider als Sirenengesang vermeintlich wohl­meinender Journalisten, Unternehmer oder Politiker (beiderlei Geschlechts) wahrnehmen (und sich dadurch in die Falle locken lassen).

Donnerstag, 1. März 2018

Ein schwacher Bundespräsident

Courage ist nicht gerade eine Stärke des österreichischen Bundespräsi­denten Alexander Van der Bellen.

Konkret fällt mir dazu ein:

• Sein feiger Rückzieher nach seiner (zutreffenden) Äußerung in der Kopf­tuch­frage (siehe dazu meinen Blogeintrag Tabubruch und Rückzieher).

• Sein grinsendes Wohlwollen bei der Angelobung der schwarz(türkis)-blauen Bundes­regierung im Dezember letzten Jahres. (Hätte er diesbe­züg­lich doch nur einen Funken der Persönlichkeit eines Thomas Klestil an den Tag gelegt!1))

1) [Anm.: Klestil hatte im Jahr 2000 als Bundespräsident bei der Angelobung der von ihm nicht gewollten schwarz-blauen Bundesregierung insbesondere durch die Mimik seinen Widerwillen in bewundernswert offener Weise zum Ausdruck gebracht.]

• Und nun sein windelweiches Durchwinken Andreas Hauers als neuem Ver­fas­sungsrichter mit der Allerwelts-Aussage:

"Ich gehe davon aus, dass Prof. Hauer zukünftig als Verfassungsrichter sein Amt verantwortungsvoll wahrnehmen wird."

So ein substanzloses Blabla kann man auf jeden Kandidaten und jede Kan­di­datin für jedes Amt anwenden.

Man mag (als Bundespräsident) allenfalls zum Ergebnis kommen, dass Hauer als Verfassungsrichter nicht zu verhindern ist. Einschlägige Argu­mente habe ich sogar selbst in meinem letzten Blogeintrag angeführt, obwohl ich dezidierter ideologischer Gegner Hauers bin.2)
2) [https://enalexiko.blogspot.co.at/2018/01/der-festredner-vom-akademikerball.html]

Aber wenn denn eine solche Unvermeidlichkeit tatsächlich bestehen sollte, wäre von einem Bundespräsidenten mit Courage zu erwarten, dass seine Stellungnahme dieses Dilemma auch zum Ausdruck bringt – selbst wenn so etwas nur sym­bo­lische Bedeutung hätte. Anders gesagt: Es wäre Van der Bellen gut ange­standen, sich auch hier an seinem Vor-Vorgänger Klestil ein Beispiel zu nehmen.

Vor seiner Wahl zum Bundepräsidenten wurde Van der Bellen ja von zahlreichen – naiven – Menschen (und Medien) zu einer Art notwendigem Gegenwicht (oder gar Bollwerk) gegen rechte Politik und Gesinnung in Österreich hochgejubelt. Doch nichts davon verkörpert er! Schon allein die drei obigen Beispiele zeigen, wofür Van der Bellen – in typisch österrei­chi­scher Manier – steht: sich anpassen, sich arrangieren, nicht auffallen, nicht widersprechen, Differenzen (und erst recht Konflikte) um jeden Preis ver­mei­den.

Eine Feststellung und zwei aus ihr resultierende Fragen müssen in Hinblick auf seine Person dann aber schon erlaubt sein:

• Dieser Mann ist ein schwacher Bundespräsident, der jene Prinzipien und Überzeugungen nicht konsequent vertritt, die ihn (nach Ansicht Vieler) für dieses Amt angeblich besonders qualifiziert hatten.

• Was unterscheidet seine Amtsführung von jener, die auch ein belie­bi­ger Max Mustermann oder ein beliebiges Lieschen Müller praktizieren könn­te und würde?
Bzw. alternativ gefragt:
• Was wäre anders (im Land), wenn nicht er, sondern sein (von Vielen dämonisierter) rechter Gegenkandidat, Norbert Hofer, Bundes­prä­si­dent geworden wäre?

Meine persönliche Antwort auf beide Fragen: Gar nichts.